Der Gott der Spiele

Historische Spielkarten
Historische Spielkarten
Bibelmuseum zeigt Unterhaltsames zu christlichem Zeitvertreib
Stuttgart (epd)

Spielen galt in der christlichen Tradition über eineinhalb Jahrtausende als des Teufels. Erst im 16. Jahrhundert entdeckten die Humanisten den Wert des Spiels für die Pädagogik neu. Unter der Überschrift "Im Anfang war das Spiel" zeigt das Stuttgarter Bibelmuseum aktuelle und historische Spiele mit christlichem Hintergrund.

Für die Ablehnung des Spiels gab es viele Gründe. Im Römischen Reich wurde das Volk mit Spielen im Zirkus belustigt, bei denen oft Christen die Opfer waren und bei denen heidnischen Göttern gehuldigt wurde. Auch Tanz und Musik waren mit heidnischem Kult verbunden, weshalb sich Christen davon fernhielten.

Doch selbst in frommen Kreisen war das Spiel nie ganz totzukriegen. Nur musste es pädagogisch sein und biblische Geschichten oder christliche Tugenden lehren. Das belegt etwa ein ausgestellter Spielplan aus dem 10. Jahrhundert, auf dem 56 solcher Tugenden im Kreis angeordnet sind. Ein ausgedrehter Kreisel zeigte zufällig auf eine der Tugenden - etwa Nächstenliebe oder Demut -, und der Spieler musste etwas dazu sagen können oder sich neu mit dieser Tugend beschäftigen.

Die Spielphobie hat die Kirche längst abgelegt. Das belegen die vielen ausgestellten Brett-, Karten- und Würfelspiele aus heutiger und früherer Zeit. Vom Boden-Puzzle über das Bibel-Quiz, von den bunten Figuren zu biblischen Geschichten bis zum Computerspiel am aufgestellten PC. Die elektronische Welt soll durch ein Quiz am Bildschirm und das Spiel "Das Grab des Mose" erschlossen werden. Zudem dürfen Besucher auf Grundlage des populären Games "Minecraft" mitbauen an der Stadt Jerusalem, wie sie zu biblischen Zeiten ausgesehen haben könnte.

Für eigene Aktivitäten lässt die Ausstellung ohnehin viel Raum. "Es würde keinen Sinn machen, nur zum Lesen von Informationstafeln und nicht zum Spielen hierher zu kommen", sagt Pfarrerin Karina Beck, die Kuratorin der Ausstellung. Und die Direktorin des Bibelmuseums, Franziska Stocker-Schwarz, ergänzt, dass möglicherweise während der Ausstellungszeit bis Anfang November sogar ein neues Spiel entwickelt wird, das später auf den Markt kommen könnte.

Auch an kreative Gäste ist gedacht. Buntstifte und Papier liegen bereit. Außerdem gibt es eine große weiße Fläche, auf der sich "Tape Art" produziert lässt. Mit Klebebändern verschiedener Farbe können die Besucher Muster entwickeln, Punkte verbinden und ihren Ideen freien Lauf lassen. Eine Kostprobe bei der Vernissage gibt Robby Höschele vom Evangelischen Jugendwerk Württemberg, der sich seit Jahren für das Projekt "Playing Arts" einsetzt.

Als Zielgruppe haben die Macher der Schau vor allem Familien im Blick, für die es eine vergünstigte Eintrittskarte gibt. Familienzentren, Jungscharen und Jugendgruppen will man mit dem Spieleangebot ebenfalls ins Museum locken. Auf den Informationstafeln erfahren die Besucher, dass das Wort Spielen nur ein Mal in der Bibel vorkommt ("Die Weisheit spielt vor Gott", Buch der Sprüche), dass sich aber die ganze Schöpfung und das Wirken des Menschen in ihr auch spielerisch verstehen lassen.

Spielen ist übrigens nicht nur etwas für Kinder. Zu sehen ist das Brettspiel "Die Siedler von Kanaan", das sich an den Erfolg der "Siedler von Catan" anlehnt. Bei einem Kartenquiz müssen die Hintergründe blutiger Bibelgeschichten erraten werden. Fast selbstironisch für diese Ausstellung im "bibliorama" liest sich der Titel eines anderen Gesellschaftsspiels: "Chaos im Bibel-Museum".

Von Marcus Mockler (epd)