Beim Ikonenmalen zur Ruhe kommen
Sylvia Armbrecht
Sylvia Armbrecht zeichnet von einer Vorlage eine Ikone von David und Jonathan ab.
Löwensteiner Ikonenwerkstatt geht nach drei Jahrzehnten zu Ende
Heilbronn (epd)

Leise, orthodoxe Gesänge sind aus einem Lautsprecher zu hören, sonst betriebsame Stille im Saal der Evangelischen Tagungsstätte Löwenstein (Landkreis Heilbronn), der sich in ein großes Atelier verwandelt hat: Seit über 30 Jahren werden dort jährlich Ikonenworkshops angeboten.

Mit einem dünnen Pinsel gibt Sylvia Armbrecht aus Meckesheim ihrer Ikone Struktur: Sie zeichnet von einer Vorlage eine Ikone von David und Jonathan ab, über den beiden ist Jesus mit Heiligenschein zu sehen, der aus dem Himmel schaut und die Freundschaft der beiden biblischen Gestalten zu segnen scheint. Erst hat sie das Holzbrett grundiert, um Unebenheiten auszugleichen, erklärt sie, dann die groben Umrisse der Ikone eingeritzt und schließlich die Grundfarben angelegt.

Nun ist sie beim Feinschliff. Auch Blattgold hat sie für den Hintergrund des Bildes verwendet. Rund 40 bis 50 Stunden benötigt sie für ein solches Kunstwerk. Sie genießt die Ruhe und Zeit während des Workshops: «Das hat schon etwas Meditatives.»

Initiator der Workshops war Hans-Jürgen Veigel aus Oberstenfeld, den ein Urlaub in Griechenland in die Welt des Ikonenmalens führte und der daraufhin die Grundzüge dieser Technik in Workshops in Löwenstein vermittelte. Seit 2017 übernahm der Orthodoxie-Experte und ehemaliger Dekan von Blaubeuren, Klaus Schwarz, die inhaltliche Verantwortung für die Kurse.

Doch wie passt es zusammen, dass Protestanten Ikonen malen, wo doch im Zuge der Reformation viele Heiligenbilder aus Kirchen verbannt wurden, aus der Sorge heraus, dass diese angebetet werden? Hier räumt Schwarz mit einem Missverständnis auf: Ikonen würden nicht angebetet, «sondern die Schrift und auch die Heiligen, die auf den Bildern zu sehen sind, deuten mit ihrem Leben auf Jesus hin, dem alleine Anbetung zukommt.» So habe es die 7. Ökumenische Synode im Jahr 787 eindeutig festgelegt.

Man könne eine Ikone aus theologischer Sicht nur deshalb malen, weil Gott in Christus Mensch und damit auch greifbar und malbar wurde. Wie jede Kinderkirchmitarbeiterin und jeder Pädagoge wüssten, helfen Bilder, Inhalte zu erklären und zu vermitteln. «Genauso sind Ikonen ein visualisiertes Zeugnis der Schrift und Tradition», sagt der Theologe, der über 20 Jahre als Kommissionsmitglied im Dialog des Lutherischen Weltbundes mit allen orthodoxen Kirchen tätig war. Zudem hatte er als Referent für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die theologische Geschäftsführung ihrer Dialoge mit der Russischen Orthodoxen Kirche, dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und der Rumänischen Orthodoxen Kirche inne.

Wer Ikonen «schreibt» oder «abschreibt», wie es auch heißt, achtet die Tradition. Er arbeitet nach Vorlagen, die im Laufe von vielen Jahrhunderten entstanden sind, ist aber trotzdem frei, diese auf seine Weise zu interpretieren. Wie traditionell man dabei vorgeht, darüber scheiden sich auch bei professionellen Ikonographen die Geister. So kann darüber diskutiert werden, ob Acrylfarben oder Ölfarben beim Malen verwendet werden dürfen oder die sogenannte «Eitempera» - in starkem Eigelb gelöste natürliche Farbpigmente. Ein Teilnehmer des Workshops, Philipp Jonas, verwendet diese traditionellen, selbst angerührten Farben.

Carl-Adolf Stoewe aus Weinsberg arbeitet normalerweise in der Stadtverwaltung. Sich eine Woche lang mit einer Ikone auseinanderzusetzen, sei für ihn Entspannung pur und ein guter Ausgleich. «Man wird geerdet». Er sitzt an der berühmten «Maria Advocata», die im 9. Jahrhundert von Edessa nach Rom gelangte und sich seit 1931 in der Klosterkirche der Dominikanerinnen auf dem Monte Mario in Rom befindet. Sie gilt als eine der ersten bildlichen Darstellung der Mutter Jesu.

Dieses Jahr finden die Ikonenwerkstätten in Löwenstein ihr offizielles Ende - weil Klaus Schwarz aufhört und einige der früheren Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Altergründen nicht mehr dabei sein können.

Doch die Hoffnung steht im Raum, dass sich die etwa zehn Übriggebliebenen weiter jährlich privat treffen können. Denn die eine Woche konzentrierte Ruhe jährlich und die besondere Erfahrung beim Fertigen einer Ikone wollen die meisten nicht mehr missen.

 

Von Judith Kubitscheck (epd)