Wenn der letzte Abschied verwehrt bleibt

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Gemeinsam Abschied nehmen ist in Corona-Zeiten kaum möglich.
Die Corona-Regelungen treffen manche Trauernde hart
Ludwigsburg/Heilbronn/Calw (epd)

Es ist eine Verordnung des baden-württembergischen Kultusministeriums, die es in sich hat: Seit 21. März dürfen Bestattungen nur noch unter freiem Himmel mit nicht mehr als zehn teilnehmenden Personen stattfinden - Pfarrer inklusive. Die Einschränkungen sollen helfen, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Aber manche Menschen in Trauer empfinden sie als Zumutung, wissen Seelsorger.

Soeben hatte Pfarrer Gunter Bareis aus Lauffen (Landkreis Heilbronn) ein seelsorgerliches Telefongespräch mit dem Verwandten eines Verstorbenen. Der Tote war in vielen Vereinen in seinem Ort aktiv gewesen und hatte zudem eine große Familie. Wie könne man da entscheiden, welche zehn Menschen die Auserwählten sind, die zur Beerdigung kommen dürfen? Auch wenn der evangelische Pfarrer anbietet, dass Trauergottesdienste gefilmt werden dürfen, um sie anschließend an Verwandte weiterzugeben, die nicht dabei waren: Ein Ersatz für die persönliche Teilnahme an der Beerdigung ist das nicht.

Besonders schwer war ein Fall, so Bareis, bei dem eine Familie nicht einmal von ihrem sterbenden Vater im Altenheim Abschied nehmen durfte: Das Altenheim ließ niemanden von außen mehr herein, da es selbst mit dem Coronavirus zu kämpfen hatte.

Die Corona-Zeit ist eine seelsorgerliche Herausforderung, sagt Bareis. Bei manchen komme nun zur Trauer beim Abschiednehmen auf dem Friedhof auch die Angst dazu, sich selbst auf diese Weise das Virus einzufangen. Beerdigungsgespräche führt der Lauffener Pfarrer derzeit per Telefon, was ebenfalls seelsorgerlich nicht einfach ist, wenn man die Angehörigen nicht vor Augen hat und sie bei der Beerdigung zum ersten Mal trifft.

Der evangelische Dekan in Nagold (Landkreis Calw), Ralf Albrecht, sagt, dass die Zehn-Leute-Regel nicht nur für die hinterbliebene Verwandtschaft ein Problem darstellt, sondern gerade auch für enge Nachbarn und Freunde der Familie. "Denen bricht es schier das Herz, dass sie nicht dabei sein können."

Vor kurzem habe es in seinem Dekanat eine Erdbestattung gegeben, bei der nur der Pfarrer und die Bestatterin dem Toten die letzte Ehre erweisen konnten. Der Grund: Die Ehefrau des Verstorbenen hatte Covid-19, weshalb weder sie noch andere aus dem Familienkreis an dem Trauergottesdienst teilnehmen konnten. Und eine weitere Schwierigkeit gibt es zu Corona-Zeiten, so Albrecht: Manche Pfarrkollegen seien derzeit in Selbstquarantäne, weshalb dann bei Beerdigungen manchmal auch recht kurzfristig ein anderer Pfarrer einspringen muss.

"Die Beerdigungen in der Corona-Zeit sind wirklich eine trostlose Angelegenheit", sagt Pfarrerin Dorothee Lächler aus Löchgau (Landkreis Ludwigsburg). In zwei Fällen sei es "ganz entsetzlich" gewesen, da die Toten mitten aus dem Leben gerissen wurden. "Für die Angehörigen wäre es sehr wichtig gewesen zu erleben, dass es viele Menschen gibt, die ihre Trauer teilen und hinter ihnen stehen".

Anfang der Woche hatte sie eine Beerdigung, bei der alle Enkel und Urenkel des Verstorbenen wegen der Zehn-Personen-Regelung nicht zur Trauerfeier erscheinen konnten, berichtete die Pfarrerin. Sie habe auch schon angeboten, den Gottesdienst zwei Mal hintereinander zu halten, damit mehr Menschen daran teilnehmen können, aber das hätten bisher noch keine Trauergäste in Anspruch genommen. Für Lächler ist die Regelung, dass höchstens zehn Menschen zur Bestattung zusammenkommen dürfen, willkürlich. "Wenn man weit genug voneinander entfernt steht, dann wären einige Gottesdienstbesucher mehr doch kein Problem." Die Viren könnten schließlich nicht meterweit springen.

Der Stuttgarter Stiftskirchenpfarrer, Matthias Vosseler, hält die Begrenzung auf zehn Personen ebenfalls für schwierig: "Viele, die gerne möchten, können nicht kommen". Die Pflicht zu Trauerfeiern im Freien habe er allerdings bisher nicht als Einschränkung erlebt. Bei Sonnenschein sei das sogar viel schöner als in den meist dumpfen und dunklen Trauerhallen.

Der Pfarrer aus Neunkirchen, Samuel Goerke, sagt, es sei nicht leicht, dass es derzeit nicht einmal möglich sei, den Angehörigen beim Kondolieren die Hand zu geben. In diesen Tagen sei allein die christliche Botschaft, das was trägt: "Dass Jesus Christus die Macht des Todes überwunden hat und dass wir in seiner Hand geborgen sind."

Auch der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July, findet in einem Interview mit dem epd klare Worte: Bei der Beschränkung von Teilnehmern an Trauerfeiern auf zehn Personen sieht er eine "rote Linie", mit der seine Kirche "einigermaßen leben" könne. Niedrigere Zahlen, wie sie in manchen Regionen Deutschlands wegen der Corona-Pandemie gelten, lehnt der Bischof ab. "Es gehört zu den Grundpflichten der Barmherzigkeit, Menschen würdevoll zu bestatten", betonte er.

Von Judith Kubitscheck (epd)