"Viele Polizisten haben großen Gerechtigkeitssinn"

Bundespolizeipfarrer Tobias Gentsch
Bundespolizeipfarrer Tobias Gentsch
Drei Fragen an: Bundespolizeiseelsorger Tobias Gentsch
Stuttgart (epd)

Polizisten erfahren immer mehr verbale und körperliche Attacken, so der Seelsorger bei der Bundespolizei in der Direktion Stuttgart. Eine latent rassistische Gesinnung unter Polizeibeamten kann er nicht bestätigen, sagt der evangelische Pfarrer Tobias Gentsch im Gespräch mit dem epd.

epd: Herr Gentsch, seit zwei Jahren sind Sie Seelsorger bei der Bundespolizei in der Direktion Stuttgart - sind Ihnen in Ihrer Tätigkeit Polizeibeamte mit rassistischer Gesinnung begegnet?

Tobias Gentsch: Ich bin in ganz Baden-Württemberg unterwegs, besuche die unterschiedlichen Dienststellen oder begleite Einsätze von Kolleginnen und Kollegen der Bundespolizei. In bin sehr vielen Beamten begegnet, habe unzählige Gespräche geführt und kann in keiner Weise bestätigen, dass Bundespolizisten latent eine rassistische Gesinnung haben. Ganz im Gegenteil. Ich habe festgestellt, dass viele Bundespolizisten einen sehr differenzierten Sinn für Gerechtigkeit in den Dienst mitbringen. Freilich müssen Polizeibeamte einiges aushalten und ertragen. Vereinzelt bin ich auf frustrierte Kollegen gestoßen, die mit Gewalterfahrungen, mit Entscheidungen der Justiz oder der Politik innerlich zu kämpfen haben.

epd: Wird Ihrer Meinung nach in der Polizei genug gegen Rassismus unternommen?

Gentsch: Von der evangelischen Seelsorge bieten wir beispielsweise bundesweit Seminare zum Thema Extremismus und Radikalisierung an. Zum einen werden Beamte in der Wahrnehmung und Bewertung extremistischer Phänomene geschult, zum anderen dienen die Seminare als Plattform zum Austausch und zur Diskussion. Auch in der Aus- und Fortbildung der Behörde ist das Thema standardmäßig gesetzt. So wie ich die Bundespolizei kennengelernt habe, gibt es null Toleranz gegenüber Extremismus. Bundespolizisten treten ihren Dienst an, um die Werte unseres Grundgesetzes zu schützen. Wer unsere Verfassung ablehnt, ob auf Grund von rechter, linker oder islamistischer Gesinnung, hat keinen Platz in der Behörde. Mein Eindruck ist, dass die Verantwortlichen hier sehr wachsam, sensibel und konsequent sind.

epd: Bei "Black Lives matter"-Demonstrationen gegen Polizeigewalt und anderen Demonstrationen erleben Polizisten derzeit besonders heftige Beschimpfungen bis hin zu körperlichen Angriffen. Wie gehen diese damit um? Was hören Sie als Seelsorger?

Gentsch: Zunächst beobachte ich eine sehr große Professionalität. Dass verbale und körperliche Attacken etwa auf Demonstrationen geschehen, ist für viele Beamte nichts Ungewöhnliches. Sie wissen, das gehört leider zu einer anspruchsvollen Aufgabe im Polizeidienst. Beamte erzählen, dass Aggressionen und Brutalität zunehmen - und damit die Gefahr zunimmt, schwer verletzt zu werden. Außerdem habe ich Beamte kennengelernt, die erzählt haben, dass die Arbeit über die Jahre hinweg sehr an ihnen gezehrt hat. Viele Jahre Schichtdienst, ständige Konfrontationen mit Straftätern und Umgang mit Problemfällen der Gesellschaft können Spuren in der Seele eines Polizisten hinterlassen.

epd-Gespräch: Judith Kubitscheck