Stil ist nicht das Ende des Besens
Robert Habeck Krawattenlos
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zieht selten eine Krawatte an.
Warum die Gesellschaft von Stil und gutem Benehmen profitiert
Stuttgart/Augsburg/Siegen (epd)

Bei Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) ist man es gewöhnt. Aber auch Bundeskanzler Olaf Scholz
(SPD) und die Hauptmoderatoren in den Öffentlich-Rechtlichen tun es immer öfter: Sie verzichten auf die Krawatte. Lapsus oder Geschmackssache?

«Kleider machen Leute, zumindest bis zu einem gewissen Punkt», sagt Bernhard Roetzel, Autor der in 18 Sprachen übersetzten Stilbibel «Der Gentleman». Kleidung unterstreiche die eigene Persönlichkeit, habe aber immer auch etwas mit Wert zu tun: «Sich gut zu kleiden ist Wertschätzung für sich selbst und für das Gegenüber.» Allerdings sei das Wissen darum hierzulande deutlich weniger ausgeprägt als in Ländern wie Italien, Frankreich oder England, beklagt er.

«Politiker und Nachrichtensprecher wollen mit dem Verzicht auf die Krawatte nahbarer, weltoffener und flexibler wirken», sagt Marion Ising. Dieser Anspruch müsse sich dann nur auch in deren Inhalten wiederfinden, so die Stil- und Persönlichkeitsberaterin aus Freudenberg (bei Siegen). Sonst fühle sich der Betrachter schnell betrogen.

Kleidung spreche im ersten Moment lauter als alle Worte, erklärt Ising und nennt ein Beispiel: «Stellen Sie sich vor, die politische Weltspitze trifft sich, und nur der deutsche Bundeskanzler steht im Pulli neben all den Persönlichkeiten in Anzügen und Kostümen. Dadurch disqualifiziert er sich optisch sofort vor der gesamten Weltöffentlichkeit und verliert schlagartig an Kompetenz.»

Marion Ising berät Menschen, die ihren Auftritt optimieren möchten - Mütter, Berufseinsteiger, Führungskräfte. Das Interesse daran hat nach ihren Worten infolge der Corona-Pandemie deutlich zugenommen. Es gebe quer durch alle Branchen eine große Unsicherheit in Kleidungsfragen: «Im Homeoffice fühlt man sich unbeobachtet. Da geht gefühlt auch der Schlafanzug. Und man hat einfach Haare, aber keine Frisur.» Die Rückkehr ins öffentliche Leben verunsichere viele.

Der Ur-Vater guten Stils, Adolph Freiherr von Knigge (1752-1796), habe für derartige Situationen in seinem Standardwerk «Über den Umgang mit Menschen» geraten: «In deiner Kleidung verfalle nie in Nachlässigkeit, wenn du allein bist. Gehe nicht schmutzig, nicht krumm noch mit groben Manieren einher, wenn dich niemand beobachtet.» Generell - ob im Büro oder Homeoffice - empfiehlt Marion Ising: «Kleiden Sie sich im Zweifel lieber etwas kompetenter als zu leger.»

Für den katholischen Theologen Johannes Hartl aus Augsburg haben Stil und Benehmen auch etwas mit Schönheit zu tun. Und die sei eine genuine Idee Gottes. «Gott hätte die Welt auch farblos und langweilig erschaffen können, doch er wollte es offenbar anders. Das Schöne gehört zur Handschrift des Schöpfers», so Hartl, der auch Mitglied im Deutschen Knigge-Rat ist.

Unter Christen gebe es leider manchmal das Missverständnis, dass es allein auf innere Werte ankomme. Natürlich zähle für Gott zuerst die Herzenshaltung: «Aber daran, wie ein Mensch sich benimmt, wie er sich kleidet und wie er lebt, erkennt man diese Herzenshaltung eben auch», stellt Hartl klar. Am besten lasse sich das in Afrika oder Asien beobachten, so der Theologe. Dort sei es selbstverständlich, am Sonntag das Beste anzuziehen - auch wenn man wenig Geld hat.

Das würde sich Hartl auch hierzulande wünschen: «Gerade, wenn es um einen sakralen Raum geht, also um eine klassische, alte Kirche, wirkt der Schlabberlook mit Funktionsjacke eigentlich unpassend.» Am Sonntag, erst recht aber an kirchlichen Feiertagen wäre eine Renaissance des festlichen Anzugs durchaus erstrebenswert, sagt er.

Ernst-Wilhelm Gohl, Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, sieht das weniger dogmatisch. «Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht die Gewissheit, dass Gott uns Menschen so annimmt, wie wir sind. Unser Aussehen und unsere Kleidung spielen dabei keine Rolle», sagt er. Das Tragen des Sonntagsanzugs im Gottesdienst stamme aus einer Zeit, in der noch klar zwischen Arbeit und Freizeit getrennt wurde. Das sei vorbei, so Gohl.

Wichtiger als die Kleidung findet er die Art des Umgangs miteinander: «Als Christen sehen wir in jedem Menschen ein Geschöpf und Ebenbild Gottes. Das sollten unsere Mitmenschen daran merken, wie wir mit ihnen reden und wie wir sie behandeln.» Diese Einsicht sei für das gesellschaftliche Miteinander grundlegender als die Frage «Krawatte oder keine Krawatte», so der Gottesmann.

 

Von Matthias Pankau (epd)