"Ökumene nicht auf Abendmahl reduzieren"

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Bischof Gebhard Fürst
Bischof Fürst: Konfessionen müssen sich einander annähern
Rottenburg/Stuttgart (epd)

An Gründonnerstag (18. April) erinnern Christen an das von Jesus Christus eingesetzte Abendmahl - doch bis heute können Katholiken und Protestanten das nicht gemeinsam feiern. In Ravensburg wollten es die Kirchengemeinden dennoch tun, wogegen der Bischof der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, einschritt. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erläutert Fürst, warum es auf absehbare Zeit kein gemeinsames Abendmahl geben wird - und warum er dennoch Hoffnung für die Ökumene hat.

epd: Herr Bischof, geben Sie eine Prognose ab: Ab welchem Jahr wird das gemeinsame Abendmahl von Evangelischen und Katholischen generell möglich sein?

Fürst: Das kann ich beim besten Willen nicht. Das hängt von vielen Faktoren ab, die weder ich noch unsere Bischofskonferenz managen können. Bei uns setzt das gemeinsame Abendmahl die Kirchengemeinschaft voraus. Und so weit sind wir noch nicht.

epd: Viele Menschen verstehen nicht, warum das so schwierig sein soll. Erklären Sie es uns.

Fürst: Die Eucharistiefeier ist für uns Mitte des Kircheseins, ihr Ursprung und das Ziel alles kirchlichen Handelns. Wenn über dieses Zentrum keine zureichende Einigkeit besteht, dann ist eine Kirchengemeinschaft nicht möglich. Das betrifft auch die Frage, wie wir das Abendmahl verstehen. Konkret: die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut von Jesus Christus.

Wir halten als katholische Kirche daran fest, dass auch nach der Kommunion in Brot und Wein weiterhin Jesus Christus gegenwärtig ist. Das ermöglicht zum Beispiel, dass wir das eucharistische Brot den Kranken nach Hause bringen, und sie empfangen dann so wie in der Eucharistiefeier den Leib Christi. Lutherische Christen sind dem noch nahe, weil sie an eine reale Präsenz von Christus im Abendmahl glauben. Andere evangelische Denominationen sehen darin nur noch ein Symbol, und dieses Verständnis trennt uns.

epd: In Ravensburg erklärten katholische und evangelische Christen gemeinsam, sie wollten einander zum Abendmahl einladen. Als Bischof haben Sie das verboten. War diese Intervention notwendig?

Fürst: Ja, weil es vor Ort nicht eine Praxis geben kann, die es nach katholischem Verständnis weltkirchlich bisher nicht gibt. Unsere Kirche hat hier ein einheitliches Verständnis, daran ist auch die lokale Gemeinde gebunden.

epd: War das ein bisschen naiv von den Oberschwaben, ein weltkirchliches Problem mal eben mit einem gemeinsamen Papier lösen zu wollen?

Fürst: Zunächst sehe ich dort viel guten Willen, das steht für mich außerfrage. Aber man hat nicht zu Ende gedacht, was das für eine Weltkirche in der Konsequenz bedeutet. Es wäre bestimmt besser gewesen, wenn sich die Verantwortlichen vor Ort schon im Prozess mit mir als Bischof in Verbindung gesetzt hätten – das hätte manchen Frust erspart.

epd: Wie soll es denn jetzt in Ravensburg weitergehen?

Fürst: Wir dürfen nicht alles in der Ökumene auf diese eine Frage des gemeinsamen Abendmahls reduzieren. Die Ravensburger sollen den guten ökumenischen Weg bitte weitergehen, indem sie etwa gemeinsam in der Bibel lesen, gemeinsam beten, den Glauben feiern und gemeinsam zu Fragen der Zeit Stellung nehmen. Auch im diakonisch-karitativen Bereich lassen sich so viele Dinge gemeinsam tun. Das hat Zukunft!

epd: Eine zaghafte Öffnung sehen wir beim Abendmahl von konfessionsverbindenden Ehepaaren, die in Ihrer Diözese inzwischen fast jede zweite Eheschließung ausmachen. Warum gelten die kirchenrechtlichen Bedenken in diesem Punkt auf einmal nicht?

Fürst: Wenn beide Partner getauft sind und gemeinsam das Sakrament der Ehe empfangen, dann ist das schon eine kleine Form des Kircheseins. Das ist eine alte Tradition, dass wir Ehe und Familie als Hauskirche verstehen. Unter dieser Perspektive muss es die Möglichkeit geben, dass der evangelische Partner zum Empfang der Kommunion eingeladen wird.

epd: Muss ich als evangelischer Christ also erst eine Katholikin heiraten, wenn ich gerne gemeinsam mit Bischof Fürst Abendmahl feiern wollte?

Fürst: (Lacht) Wenn Sie eine Frau nur heiraten, damit Sie zur Kommunion gehen können, und nicht, weil Sie sie wirklich lieben und ihr treu sein wollen, dann kommt Ihre Ehe gar nicht gültig zustande.

epd: Auf der bischöflichen Ebene klappt die Ökumene ja ganz gut, etwa zwischen Ihnen und dem evangelischen Landesbischof Frank Otfried July. Auf der Ebene der Lehre und des Kirchenrechts sind dagegen Fortschritte kaum erkennbar. Wie müssten die nächsten Schritte konkret aussehen?

Fürst: Wir müssen uns inhaltlich noch stärker annähern. Das Recht ist eine Folge des Inhalts – und nicht umgekehrt. Da fühle ich mich häufig missverstanden, wenn man mir vorwirft, ich argumentierte nur rechtlich. Das ist überhaupt nicht meine Art. Das Recht ordnet das Miteinander. Es hat also einen dienenden Charakter. Wenn wir ein teilweise unterschiedliches Verständnis davon haben, was Kirche überhaupt ist und uns je entsprechend verhalten, dann schlägt sich das auch im Recht nieder. Kommen wir einander in Kirchenverständnis noch weiter näher, werden wir auch noch mehr Einheit erleben. Am Ende geht es um das Bemühen, richtig zu verstehen, was in der Abendmahlsfeier geschieht. In der Reformation ist dieses gemeinsame Verständnis teilweise verloren gegangen.

epd: Die württembergische evangelische Landessynode hat nach langem Ringen im März beschlossen, gleichgeschlechtliche Paare öffentlich zu segnen. Belastet das die Ökumene, weil die katholische Kirche in diesem Punkt ja eine ganz andere Position vertritt?

Fürst: Am Miteinander von Landesbischof July und mir ändert dieser Beschluss nichts. Ich sehe eher die Schwierigkeit, dass wir uns als katholische und evangelische Kirche in ethischen Fragen nicht immer ganz einig sind. Dann können wir auch nicht mit einer Stimme in die Gesellschaft hineinsprechen. Das mindert das gemeinsame Zeugnis. Aber es ist natürlich nicht meine Aufgabe, der evangelischen Landeskirche in diesen Fragen hineinzureden.

epd-Gespräch: Marcus Mockler