Leidensfähiger Denker

Eberhard Jüngel
Mit 86 Jahren gestorben: Eberhard Jüngel
Der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel ist mit 86 Jahren gestorben
Tübingen (epd).

Verdrängt hatte Eberhard Jüngel den Tod nicht. Er erwartete nach eigenen Worten, danach die Liebe Gottes in gesteigerter Form erleben zu dürfen - „von Angesicht zu Angesicht“, sagte der evangelische Theologe einmal dem Evangelischen Pressedienst (epd). Am 28. September ist der Tübinger Gelehrte, der als einer der bedeutendsten evangelischen Theologen der Gegenwart gilt, im Alter von 86 Jahren gestorben.

Auf dem Beistelltisch in Eberhard Jüngels Tübinger Wohnzimmer stand eine Karteikarte, auf der ein Spruch des Künstlers Joseph Beuys zu lesen war: „Wer nicht denken will, fliegt raus.“ Denken wollte Jüngel immer. Der mit vielen Preisen dekorierte evangelische Theologieprofessor hatte sich auch als Philosoph verstanden und die Grenzgebiete beider Wissenschaften durchschritten.

Rausgeflogen ist der Denker Jüngel aber dennoch - am Tag vor seinem Abitur von einem Gymnasium in seiner Geburtsstadt Magdeburg. Eine Freundin und er hatten im Unterricht gegen Beschlagnahmungen diakonischen Eigentums durch das SED-Regime protestiert - und mussten als „Feinde der Republik“ die Schule verlassen. Sein Trost: Die Mutter, vor deren Reaktion ihm bange war, sagte „Ich bin stolz auf euch.“ Jüngel konnte ein kirchliches Abitur ablegen und wenig später doch noch ein staatliches, was ihn schmunzelnd erzählen ließ, dass er gleich zwei Abiture in der Tasche habe.

Nach seinem Theologiestudium in Naumburg, Ost-Berlin, Zürich und Basel und der Promotion über „Paulus und Jesus“ begann seine lebenslange Dozententätigkeit. Er unterrichtete in Berlin, Zürich und ab 1969 in Tübingen, wo er bis zu seinem Tod lebte. Dort war er auch 18 Jahre lang Ephorus des Evangelischen Stifts, einer jahrhundertealten „Kaderschmiede“ der württembergischen Landeskirche, wo in der Vergangenheit unter anderen der Astronom Johannes Kepler, der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel und der Dichter Eduard Mörike studierten.

Als Jüngels wichtigstes Buch gilt „Gott als Geheimnis der Welt“ aus dem Jahr 1977. Die Dimension des Geheimnisses sei aus der Theologie fast entschwunden, weil man Geheimnis mit Rätsel verwechsele, bedauert er. „Wenn ich das Rätsel gelöst habe, dann hat es seine Rätselhaftigkeit verloren. Je mehr ich aber von einem Geheimnis verstehe, desto geheimnisvoller wird es.“ Gott sei ein „öffentliches Geheimnis“, betonte der Theologe.

Jüngel, den in seinen jüngeren Jahren insbesondere die Begegnungen mit dem Theologen Karl Barth, dem Philosophen Martin Heidegger und dem Komponisten Paul Hindemith prägten, machte sich durch seine Arbeiten und geschliffenen Reden schnell einen Namen. Er war Mitglied zahlreicher Akademien der Wissenschaften, erhielt für sein Lebenswerk den Predigtpreis des Verlags für die Deutsche Wirtschaft, wurde Kanzler des Ordens „Pour le Mérite“ für Wissenschaften und Künste und diente drei Jahrzehnte als berufenes Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Der Kirche schrieb er auch ins Stammbuch, dass sie sich engagiert für die Weitergabe des Glaubens einsetzen müsse. Sein bei der EKD-Synode 1999 in Leipzig geäußertes Wort, eine Kirche ohne Mission bekomme „Herzrhythmusstörungen“, hallt bis heute nach und wird in kirchlichen Diskussionen immer wieder zitiert.

Eine Viruskrankheit, die seinen Kopf erfasst hatte und das geliebte Lesen am Ende unmöglich machte, zwang Jüngel in den letzten Jahren in die Zurückgezogenheit. In Glaubenszweifel stürzte ihn die Erfahrung des Leids nicht. „Das muss nun tapfer ertragen werden“, zitierte er seinen theologischen Lehrer Karl Barth. Dieses Leiden ist nun zu Ende.

Von Marcus Mockler (epd)