Lebensaufgabe Hebräisch
Heinz-Dieter Neef
Ende März geht der Tübinger Professor Heinz-Dieter Neef in Ruhestand.
Heinz-Dieter Neef hat über 3.000 Studenten die Bibel-Sprache gelehrt
Tübingen (epd)

In den vergangenen Jahrzehnten hat die evangelische Fakultät der Universität Tübingen viele Theologen kommen und gehen sehen. Heinz-Dieter Neef blieb - und ist zur Institution geworden. Ab 1981 unterrichtete er Studenten in Hebräisch, der Sprache des Alten Testaments. «Ich will nicht unbescheiden sein», sagt der 68-jährige Professor, «aber es waren etwa 3.500». Zum Vergleich: Die württembergische Landeskirche hat heute nicht einmal halb so viele Pfarrstellen.

Zwischen Bibelausgaben und Grammatiken zieht Neef ein großes Gruppenbild aus seinem Bücherregal. «1997 habe ich angefangen, ein Klassenfoto von jedem Kurs zu machen. Das schweißt ja auch zusammen. Zuhause habe ich drei Fotoalben voll.» Zu den Absolventen gehören Theologieprofessoren, die später Neefs Kollegen wurden. Aber auch Kirchenleiter wie der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl. Und so erschien auch manch prominenter Gast, als Neef am 7. Februar seine Abschiedsvorlesung in Tübingen hielt.

Als Heinz-Dieter Neef vor 43 Jahren die Stelle als Sprachdozent antrat, war Theologie noch ein Massenstudiengang. Von «2.000 Studenten und mehr» erzählt er im Theologicum in der Tübinger Innenstadt. Vor dem Seminarraum 105 bleibt Neef stehen und erinnert sich an seinen allerersten Sprachkurs. «Die Studenten standen bis auf den Flur. Ich wollte schon zurücklaufen, weil ich dachte, die wollen zu irgendeiner großen Vorlesung.» Am Ende unterrichtete er 140 Studenten, aufgeteilt in drei Gruppen.

Und als wäre die hohe Studentenzahl nicht schon Herausforderung genug, stand ihr auch noch die sehr kurze Zeit von nur einem Semester gegenüber. Das sind etwa 15 Wochen. «Den komplexen Stoff so herunterzubrechen, war schon immer eine Herausforderung», meint Neef. Schließlich sei Hebräisch für Deutsche nicht leicht zu vermitteln: Die Sprache wird mit einem fremden Alphabet und von rechts nach links geschrieben und besitzt eine völlig andere Grammatik.

Es überrascht daher nicht, dass in den letzten Jahren immer wieder über eine Kürzung der Pflichtsprachen für Theologen diskutiert wird, die neben Hebräisch auch noch Latein, und die Sprache des Neuen Testaments, Griechisch lernen müssen. So soll das Interesse am Theologiestudium wachsen - und damit der Nachwuchs für die Pfarrämter. «Das ist der falsche Weg», entgegnet jedoch Heinz-Dieter Neef. «So macht man sich innerhalb der Universität lächerlich.» Das zeigten etwa Worte im Alten Testament, die gezielt bestimmte Geräusche wie das Sausen eines Windes nachahmen. Solche Begriffe und ihre lautmalerische Bedeutung können ohne Hebräisch schlichtweg nicht verstanden werden.

Um das Studium angenehmer zu machen, hat Neef stattdessen ein eigenes Hebräisch-Lehrbuch geschrieben. Mittlerweile in der achten Auflage erschienen - auch der Verleger ist ein ehemaliger Schüler von Neef -, ist es längst zum Standardwerk an deutschen Universitäten geworden.

«Den Umgang mit den Studenten werde ich sehr vermissen», sagt Neef mit Blick auf sein Vertragsende im März. «Es war nie langweilig. Es steht ja immer eine Prüfung am Ende des Semesters. Dadurch ist der Druck und auch der Zusammenhalt viel stärker als in einer Vorlesung, die so ein bisschen ausplätschert. Und es hat mich gereizt, den Studenten da durchzuhelfen.» Aus eigener Initiative hatte er sich vor drei Jahren für eine Verlängerung entschieden. Doch ein Herzinfarkt im April 2023 zwang den Professor dazu, kürzerzutreten.

«Auf der anderen Seite freue ich mich, mehr Zeit für die Forschung zu haben», betont Neef und verweist auf die vielen Rätsel, die die hebräische Sprache noch immer aufwirft. Schon längst ist die hebräische Sprache für ihn zur Lebensaufgabe geworden - und wird für ihn sicher auch im Ruhestand nicht an Faszination verlieren.

 

 

Valentin Schmid (epd)