Kirche soll "eheähnliche Beziehung" zum Staat beenden

Heinzpeter Hempelmann
Besorgt um die Zukunft der Kirche: Prof. Heinzpeter Hempelmann
Theologieprofessor stimmt auf das Ende der Volkskirche ein
Stuttgart/Bad Liebenzell (epd)

Elf "Provokationen", warum die Kirche keine Zukunft habe, hat der evangelische Theologieprofessor und württembergische Pfarrer Heinzpeter Hempelmann vor kurzem in einem Aufsatz veröffentlicht. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erläutert der 66-Jährige seine Thesen und beschreibt, wie sich die Kirche in Deutschland neu aufstellen müsste. Dazu gehöre, die "eheähnliche Beziehung" mit dem Staat zu beenden und sich auf den Weg zu gesellschaftlichen Gruppen aufzumachen, die bislang übersehen werden. Hempelmann ist Dozent an mehreren Hochschulen und arbeitete unter anderem als Referent für die EKD-Denkfabrik "Mission in der Region" und für den württembergischen Oberkirchenrat.

epd: Herr Prof. Hempelmann, sollen wir die Volkskirche verlorengeben?

Hempelmann: Volkskirche als ein flächendeckendes System, das sich als repräsentativ für die Bevölkerung versteht, hat sich schon rein quantitativ überholt. Wir reden noch von etwas mehr als 20 Millionen Evangelischen in Deutschland, die Konfessionslosen sind bereits doppelt so stark. Wenn Volkskirche aber bedeutet, dass wir nach wie vor das Evangelium allem Volk weitergeben wollen, dann dürfen wir die Volkskirche nicht verlorengeben.

epd: Sie kritisieren, Kirche erreiche heute nur noch drei von zehn gesellschaftlichen Milieus und sei deshalb entgegen ihrem Anspruch nicht mehr "für alle da". Warum kommt sie an die anderen Milieus nicht ran?

Hempelmann: Weil sie sich in ihrem Binnenleben so isoliert hat, dass sie kaum noch merkt, dass es noch andere Lebenswelten gibt. Ein starker Teil der nachwachsenden Generation etwa hat die Kirche kaum mehr im Blick. Das sind Menschen, die sich als modern verstehen, die bewusst nicht an alten Zöpfen hängen möchten, die pluralistisch orientiert sind und für Vielfalt eintreten und die einen für sie selbstverständlichen Individualismus leben.

epd: Als Problem sehen Sie an, dass Kirche noch stark darauf setze, dass Menschen in ihre Räume komme - anstatt selbst zu den Menschen hinauszugehen. Hat das nicht bislang ganz gut so funktioniert?

Hempelmann: Das hat vielleicht bis vor 100 Jahren ganz gut funktioniert, weil bis dahin die Kirchen eine besonders wichtige gesellschaftliche Institution und ein zentraler Treffpunkt waren. Damals musste aus jeder Familie eine Person in den Gottesdienst, um zu erfahren, was los ist. Heute ist die Kirche eine Institution unter anderen. Für einen erheblichen Teil der Jugend ist sie eher ein "Un-Ort": ein Ort, den man freiwillig nicht aufsucht.

epd: Wenn weniger Leute kommen, wie kann die Kirche dann zu ihnen gehen?

Hempelmann: Paulus schreibt an die Korinther: Ihr seid ein Brief Christi. Ihr werdet von allen Menschen gelesen und wahrgenommen. Dadurch, wie ihr unter den Menschen lebt, seid ihr Botschafter Gottes. Ein besseres Kommunikationsmedium als das gelebte Christsein kann es gar nicht geben.

epd: Aber in unserer Gesellschaft leben so viele Christen - am Arbeitsplatz, in der Schule, im Ehrenamt. Warum funktioniert das dann nicht?

Hempelmann: Weil wir Christen im Wesentlichen sehr angepasst sind. Worin zeigt sich denn das Wesentliche an unserem Christsein? Wo wir bestimmte Anliegen vertreten in der Gesellschaft, gibt es oft Gruppen, die die selben Anliegen schon länger und professioneller vorantreiben.

epd: Heißt das: Die Christen vor 2.000 Jahren in Korinth waren auffällig anders, und die Christen heute in Deutschland sind auffällig gleich?

Hempelmann: Ja, das trifft es genau. Wie oft hören wir von kirchlichen Repräsentanten und Repräsentantinnen nur das, was andere bereits vorher und vielfach besser gesagt haben!

epd: Die Corona-Krise hat Ihrer Einschätzung nach gezeigt, dass offene Baumärkte wichtiger seien als offene Kirchen. Hätten die Kirchen anders auf die Pandemie reagieren sollen?

Hempelmann: Sie hätten sich sehr viel mehr um isolierte Gruppen kümmern müssen. Es sind viele alte Menschen in der Pandemie an Einsamkeit gestorben. Die Kirche hat sich an der Erfüllung einer ihrer zentralen Aufgaben, der Seelsorge, hindern lassen. Hier geht es eben nicht um eine Aufgabe, um die sich auch andere Gruppen der Gesellschaft kümmern. Diese Herausforderung besteht im übrigen weiter.

epd: Sie vermitteln in Ihrer Kritik ein Bild von Kirche, die in "Modernisierungsverweigerung" lebe und im Ruch eines "Alte-Leute-Clubs" stehe. Ist das angemessen angesichts einer Jugendarbeit etwa in Württemberg, die jährlich Hunderttausende erreicht?

Hempelmann: Die Jugendarbeit in Württemberg ist durchaus erfolgreich, aber eben auch sehr begrenzt im Blick auf die Milieus. Das heißt, der Erfolg kann dem Blick auf die gesamte Gesellschaft sogar im Weg stehen. Man erreicht viele Leute, man ist damit auch gut ausgelastet - und die vielen anderen jungen Leute, die wir nicht erreichen, nehmen wir kaum mehr wahr.

epd: Ächzen nicht heute schon viele Haupt- und Ehrenamtliche, wenn man etwas Neues machen möchte, und fragen: Was sollen wir denn noch alles tun?

Hempelmann: Das stimmt, und deshalb müssen wir uns mit der Frage der Ressourcengerechtigkeit befassen. Ist es okay, dass wir die größte Masse unserer personellen Ressourcen - nämlich die Pfarrerinnen und Pfarrer - zur Versorgung eines sehr kleinen und immer kleiner werdenden Teils der Kirchenmitglieder einsetzen? Und für die anderen bleiben kaum mehr Ressourcen übrig. Ein Beispiel: Die Vorbereitung und das Halten der Sonntagspredigt erfordern ein Viertel bis ein Drittel der Arbeitszeit eines Pfarrers. Und dann hören in den Städten 30 bis 40 oder auch nur 10 bis 20 Leute zu. Tendenz fallend! In einem Kilometer Entfernung steht die nächste Kirche, wo eine andere Pfarrerin dasselbe leistet. Warum nicht Veranstaltungen derselben Art zusammenlegen? Die eingesparten Ressourcen bräuchten wir an anderen Stellen der Kirche viel dringender.

epd: "Kirche ist vom Konzept her eine Rettungsbootgemeinschaft", schreiben Sie. Nur wisse man in der Kirche nicht mehr, woraus eigentlich gerettet werden solle. Heißt das, die Kirche ist sich nicht einig darüber, warum es sie überhaupt gibt?

Hempelmann: Was das Alleinstellungsmerkmal der Kirche ist, warum man ihr also angehören sollte, darüber gibt es wenig übereinstimmende Ansichten. Die Frage, warum ich mich unbedingt der Kirche anschließen sollte, wird nicht mehr beantwortet. Wenn zum Beispiel behauptet wird, Christen und Muslime glaubten an denselben Gott, oder wenn die Unterschiede der Religionen für unbedeutend angesehen werden, fragt sich ein nachdenklicher Mensch natürlich: Warum sollte ich dann Kirchenmitglied werden oder bleiben?

epd: Sie haben eine provozierende Diagnose gestellt. Bekommen wir von Ihnen auch einen Therapieplan?

Hempelmann: Zuerst würde ich sagen: Kirche muss milieusensibel werden. Sie muss mental auf die so unterschiedlichen Menschen zugehen. Sie muss hinein in die krass unterschiedlichen Lebenswelten; da präsent sein, wo die Menschen leben. Das gelingt noch viel zu wenig. Wir müssen versuchen zu begreifen, warum andere Menschen anders sind als wir. Dadurch werden wir kommunikationsfähiger. Das ist doch nach dem neutestamentlichen Philipperbrief das Kommunikationsprinzip Gottes: Er wartet nicht, dass sich die Menschen auf ihn zubewegen, sondern er dreht das um und wendet sich uns zu und wird so wie wir, damit wir ihn endlich verstehen können. Er geht in unsere Lebenswelt hinein.

Kirche muss zudem ihr Alleinstellungsmerkmal neu schärfen, ja entdecken. Was ist das Evangelium - für die verschiedenen Menschen, mit denen wir es zu tun haben? Das geht doch nicht in sozialer, ökologischer, politischer Aktion auf? Das hat doch eine theologisch-geistliche Mitte! Christus für die Menschen neu entdecken! Haben wir Mut, zu dieser Mitte neu zu finden, uns als unterschiedliche Christen auch um sie zu sammeln?

epd: Was braucht es noch an Therapie?

Hempelmann: Ortsgemeinden und regionale Einheiten sollten viel autonomer sein. Die eheähnliche Verbindung, die Kirche und Staat seit dem vierten Jahrhundert aufgebaut haben und die inzwischen zum Selbstverständnis gehört, muss enden. Sie macht uns unfrei. Wir brauchen die Auflösung der Kirche als Behörde - und stattdessen die Fähigkeit, vor Ort flexibel auf die Situation zu reagieren.

epd-Gespräch: Marcus Mockler