Hoffen auf einen neuen Meilenstein
Ulrich Heckel
Oberkirchenrat Ulrich Heckel geht in den Ruhestand.
Der scheidende Oberkirchenrat Ulrich Heckel zum Stand der Ökumene
Stuttgart (epd)

Mehr als 16 Jahre lang war Ulrich Heckel als Oberkirchenrat in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg für die Bereiche Theologie, Gemeinde und weltweite Kirche verantwortlich. Nun geht der Professor für Neues Testament in den Ruhestand. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) beschreibt er den Stand der weltweiten Ökumene - und was aus seiner Sicht für ein gemeinsames Abendmahl aller Konfessionen entscheidend ist.

epd: Herr Oberkirchenrat Heckel, der Eindruck ist, wir erleben in der Ökumene seit der Jahrtausendwende Stillstand. Tut sich etwas in der Annäherung der Konfessionen?

Heckel: Diese Frage betrifft ganz unterschiedliche Ebenen. Zunächst geschieht Ökumene nicht nur mit der römisch-katholischen Kirche, sondern auch mit Orthodoxen und Freikirchen, und zwar sowohl im internationalen Miteinander als auch hier im Land. Bewegend war bei der Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds (LWB) in Stuttgart 2010 die große Versöhnungsfeier mit den Mennoniten. Gerade in Baden-Württemberg hat die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) immer großen Wert auf die multilaterale Ökumene mit unterschiedlichen Konfessionen gelegt. Der derzeitige Vorsitzende zum Beispiel ist der griechisch-orthodoxe Erzpriester Dimitrios Katsanos. In den letzten 16 Jahren war ich beeindruckt, wie intensiv die Zusammenarbeit geschieht. Viele Broschüren und Stellungnahmen wurden erarbeitet, die auf der Homepage der ACK zugänglich sind. Auch werden etliche Veranstaltungen gemeinsam ausgerichtet, zum Beispiel der Tag der Schöpfung.

Sodann zur Ökumene auf Gemeindeebene: Hier hat die Corona-Pandemie tiefe Einschnitte und Umbrüche mit sich gebracht. An vielen Stellen konnten die Gemeinden nach Corona nicht an ihre frühere Arbeit anknüpfen, sondern mussten völlig neu einsetzen. In der ACK erstellen wir gerade eine Broschüre, die Beispiele für ökumenische Initiativen und Projekte zusammenträgt, die nach Corona neu angepackt wurden.

Und nun zur Landeskirche: Beim Reformationsjubiläum 2017 gab es viele gemeinsame Veranstaltungen. Ein besonderer Höhepunkt war der Versöhnungsgottesdienst mit Landesbischof Frank Otfried July und Bischof Gebhard Fürst in der Simultankirche in Biberach, in der Evangelische und Katholische seit der Reformation unter demselben Dach ihre Gottesdienste feiern. Bei der letzten Begegnung des Oberkirchenrats mit dem Ordinariat aus Rottenburg haben wir uns intensiv über eine engere Abstimmung bei Immobilienkonzepten und Stellenplänen verständigt. So gehen wir in vielen Bereichen weiter aufeinander zu.

epd: Was müsste geschehen, damit es mit der sichtbaren Einheit der Christen schneller vorangeht?

Heckel: Hier stellt sich zunächst einmal die Frage, woran die sichtbare Einheit festgemacht wird. Im Neuen Testament wird die Einheit der Kirche sichtbar in der Feier des Gottesdienstes. Im 1. Korintherbrief wird die Gemeinschaft sichtbar, wo die Gemeinde Gottesdienste und das Herrenmahl miteinander feiert. Diesen Gedanken überträgt der Epheserbrief auf die weltweite Kirche. Auch weltweit wird die Kirche als Leib Christi sichtbar, wo Gemeinden zum Gottesdienst zusammenkommen. Dies gilt für jede Gemeinde und ebenso für die Ökumene. Dieser biblische Befund wird von der römisch-katholischen Kirche enggeführt, wenn sie die Einheit der Kirche von der Anerkennung des Papstes, des Bischofsamts und der Priesterweihe abhängig macht.

Als Neutestamentler habe ich in den letzten Jahren erlebt, wie eine Rückbesinnung auf die biblischen Grundlagen neue Impulse für das ökumenische Gespräch angestoßen hat. Der Epheserbrief nennt sieben Kennzeichen für die Einheit der Kirche, die Melanchthon im Augsburger Bekenntnis (1530) zitiert. 2030 wird das 500. Jubiläum des Augsburger Bekenntnisses sein. Bei der Dreizehnten Vollversammlung des LWB in Krakau haben Generalsekretärin Anne Burghardt und Kardinal Kurt Koch am 19. September 2023 die Hoffnung auf einen weiteren «Meilenstein» im Blick auf das Jubiläum zum Ausdruck gebracht, der der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 vergleichbar sein soll. Für die Frage nach der sichtbaren Einheit kann ich jetzt nur noch einmal bekräftigen, dass die Einheit in jedem Gottesdienst sichtbar wird und ökumenische Gottesdienste in den letzten Jahren in vielen Gemeinden zu einer großen Selbstverständlichkeit geworden sind.

epd: Wann wird es das gemeinsame Abendmahl von Katholiken und Protestanten geben?

Heckel: Vor diesem weiteren Meilenstein im Jahr 2030 vermutlich kaum. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir Schritt um Schritt weiter vorankommen. Im Johannesevangelium ist die Eucharistie das Sakrament der Einheit. Die Einheit hängt nicht am Amt, sondern an Christus. Hier müssen wir weiter ringen. Dazu habe ich in den letzten Jahren mehrere Beiträge verfasst, die jetzt in einem Sammelband zusammengefasst werden. Für diese Aufsatzsammlung hat Kardinal Walter Kasper ein Geleitwort geschrieben und die neutestamentlichen Impulse für die Ökumene gewürdigt. Das macht mir Hoffnung auch für die weiteren Gespräche mit dem Vatikan.

 

Von Marcus Mockler (epd)