Die Frau, die sich mit Exorzisten anlegt

Maimouna Obot
Maimouna Obot
Maimouna Obot hilft "Hexenkindern" in Nigeria
Stuttgart (epd)

Zuerst konnte Maimouna Obot es kaum glauben: "Hexenverfolgung - so was gibt es noch heute?" Durch eine BBC-Fernsehreportage erfuhr sie, dass in Nigeria Kinder als "Hexen" gebrandmarkt werden und bei brutalen Exorzismen oft auch zu Tode kommen. Um dem auf den Grund zu gehen, reiste die Juristin, die als Personalchefin beim baden-württembergischen Landeskriminalamt arbeitet, 2016 zum ersten Mal nach Nigeria.

Dort sah sie Menschen auf den Märkten, die mit Lautsprechern zu immer demselben Thema predigten: Dämonischer Besessenheit und Angriffe durch Hexen. "Über Hexen unterhält man sich dort wie über das Wetter. Viele Prediger verdienen durch einen kostspieligen Exorzismus ihr Geld" erklärt die Halbnigerianerin, die in Deutschland aufgewachsen ist. Dabei schrecken sie vor keiner Gewalttat zurück: "Ich habe ein Mädchen getroffen, dem sie den Kopf mit einer Machete spalten wollten, damit der Teufel herausfährt."

Die 37-Jährige schätzt, dass es in Nigeria Tausende Kinder gibt, die verstoßene "Hexen" sind. In der Provinz Oron sei es besonders extrem: Dort gebe es fast genauso viele Kinder auf der Straße wie Kinder in den Familien. Da diese als "Hexen" kein Geld und Essen bekommen, werden sie unweigerlich kriminell oder landen oft in der Prostitution.

Deshalb gründete Obot den Verein Storychangers, der ein Kinderheim im südwestnigerianischen Eket unterstützt, indem verstoßene "Hexenkinder" leben. Doch neben dem Leid der Kinder erschüttert die überzeugte Christin auch, dass diese furchtbaren Taten christlich legitimiert werden. Wichtig ist ihr deshalb auch die Aufklärungsarbeit, weil nur so ihrer Meinung nach das Problem an der Wurzel angegangen werden kann.

Bei ihrem dritten Besuch in Nigeria vor wenigen Wochen organisierte Obot mit einheimischen Partnern ein dreitägiges Seminar, indem sie 60 Pastoren schulte. Die Pastoren lernten, dass es keine theologische Rechtfertigung gibt, Kinder zu misshandeln oder zu töten, sondern dass Jesus sogar Kinder gesegnet hat. Und dass viele Ereignisse wie Fehlgeburten oder schlechtes Benehmen der Kinder nicht daran liegen, dass diese Hexen sind oder andere verhexen.

An einem Ort konnten Obot und ihr Team sogar eine Dorfversammlung abhalten. Ein 16-jähriger Heimjunge, der aus dem Dorf stammte, erzählte vor den versammelten Menschen seine Geschichte: Damals banden ihn einige Männer aus dem Dorf kurz vor seiner Tötung an einen Baum, er konnte aber fliehen. "Als er zu den Menschen in seinem Dorf sprach, hatten die Dorfältesten Tränen in den Augen", berichtet sie.

Obot ist sich sicher, dass es auch in Deutschland "Hexenkinder" gibt und befürchtet, dass auch hier einige nigerianischen christlichen Gemeinden diesen Irrglauben lehren.

Für den Zeitraum 2016 bis 2017 zählt in Großbritannien zählt der neueste Kinderschutzbericht der britischen Regierung, der "Children in Need Census" 1.460 Fälle von glaubensindiziertem Kindesmissbrauch. Solche Statistiken fehlen in Deutschland, weil die Behörden für solche Fälle laut Obot noch nicht genug sensibilisiert sind: "Wenn ein Kind aus dem afrikanischen Kulturkreis sagt, dass es eine Hexe ist, dann darf das nicht herabgespielt werden, sondern es muss aufgehorcht werden."

Derzeit studiert Obot nebenberuflich "Kultur und Theologie", damit sie von den Pastoren ernst genommen wird, wenn sie den Lehren der Exorzisten etwas entgegensetzt. "Tagtäglich wird den Leuten eingebläut, dass sie von Dämonen, Hexen und Geistern umgeben sind. Mit der selben Vehemenz muss man eine andere Botschaft verbreiten."

Die Einzelkämpferin hofft, sich in ihrem Widerstand gegen die Hexenverfolgung mit anderen Akteuren - vor Ort und weltweit - noch besser vernetzen zu können. "Das Problem ist so weit verbreitet, es braucht viele Menschen, die sich dem annehmen."

Hat sie keine Angst, dass sich die Exorzisten an ihr rächen, wenn ihre Aufklärungsarbeit fruchtet? Obot schüttelt den Kopf. Kinder wie Joy motivierten sie, weiterzumachen. Joys Vater vertrieb das Mädchen mit elf Jahren als "Hexenkind" aus dem Haus, daraufhin vergewaltigten die Hilfsarbeiter ihres Vaters sie. Heute ist sie 15 Jahre alt und trotz allem Erlebten voller Lebensmut. "Wenn diese Kinder so stark sind, dann muss ich selbst auch stark sein, um ihnen zu helfen. Sie haben schon vorgemacht, wie das geht", sagt Maimouna Obot.

Von Judith Kubitscheck (epd)