Die Flügel zusammenhalten

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Auch nach dem 65. Geburtstag noch im Amt: Landesbischof July
Württembergs evangelischer Landesbischof July wird 65
Stuttgart (epd)

Traugottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare - mit diesem Thema musste sich der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July, seit seinem Amtsantritt vor 14 Jahren vielfach beschäftigen. Als ehemaliger Vizepräsident des Lutherischen Weltbundes kämpfte er darum, die in dieser Frage gespaltene christliche Weltgemeinschaft zusammenzuhalten; in Württemberg setzte er sich ausdauernd für einen Kompromiss zwischen den Flügeln seiner Landeskirche ein. Am 17. Juli wird er 65 - am selben Tag wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Nie hatte die württembergische Landessynode einen jüngeren Bischof gewählt als ihn. Mit 51 Jahren wurde er 2005 Leiter der heute rund zwei Millionen Mitglieder zählenden Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Früh war auch die Berufung in seine Position davor. Gerade mal 42-jährig vertraute ihm das Diakoniewerk Schwäbisch Hall das Amt des Direktors an. Als Chef von 2.500 Mitarbeitern hatte er die Aufgabe, unternehmerisches Denken in die traditionell geprägte Diakonissenanstalt zu tragen. Er selbst hat davon viel profitiert. "Ich habe gelernt, Strategien zu entwickeln und Bilanzen zu lesen", erinnert er sich.

Solche Fähigkeiten braucht er immer wieder - auch in seinem bischöflichen Engagement für die Diakonie. Zu den besonderen Herausforderungen seiner Amtszeit gehörte die Bewältigung einer Führungskrise im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Herbst 2010, dessen Aufsichtsratsvorsitzender er damals war. Seit vergangenem Dezember sitzt er dem Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes vor.

Der in Darmstadt geborene Sohn eines Bibliothekars studierte evangelische Theologie in Tübingen und Wien und arbeitete nach dem Vikariat in Reutlingen-Betzingen als wissenschaftlicher Assistent an der Theologischen Fakultät in Heidelberg. Danach leitete er das Bischofsbüro für drei seiner Amtsvorgänger: Hans von Keler, Theo Sorg und Eberhardt Renz. Illusionen über den Alltag im Bischofsamt konnte er also nicht haben - er hatte ihn bereits jahrelang hautnah miterlebt.

Zum Ziel hat es sich July nach eigenen Worten gemacht, "die unterschiedlichen Strömungen unter den württembergischen Protestanten zusammenzuhalten". Keine leichte Aufgabe, da die Debatten zwischen Konservativen, Liberalen und Progressiven im Ländle deutlich heftiger ausgetragen werden als anderswo. Dass die Synode im Frühjahr eine Regelung beschlossen hat, wonach gleichgeschlechtliche Paare in bestimmten Fällen in einem Gottesdienst gesegnet werden können, ist das Ergebnis seiner beharrlichen Vermittlung zwischen Konservativen und Progressiven. Der Bischof ist selbst ein leidenschaftlicher Familienmensch, seit 40 Jahren mit seiner Frau Edeltraud verheiratet, Vater von vier erwachsenen Kindern.

Zu seiner Bilanz gehört der Abschluss eines Staatskirchenvertrags mit dem Land Baden-Württemberg im Jahr 2007, wo Fragen des Sonntagsschutzes, des Religionsunterrichts und der Staatsleistungen als Entschädigung für frühere Enteignungen auf eine rechtlich solide Basis gestellt wurden. Ein Ereignis, das ihm unter die Haut gegangen ist und das er immer wieder anspricht, ist der Amoklauf von Winnenden 2009, als ein 17-Jähriger 15 Menschen und schließlich sich selbst tötete. July hielt die Predigt im ökumenischen Trauergottesdienst für die Opfer.

An Ruhestand denkt der Landesbischof nicht. Laut Kirchenrecht kann er das Amt noch bis Vollendung des 68. Lebensjahrs bekleiden. Die Landessynode, die am 1. Dezember neu gewählt wird, bestimmt deshalb voraussichtlich erst in drei Jahren einen Nachfolger für July.

Von Marcus Mockler (epd)