"Die Bedrohung ist auch in Deutschland etwas größer geworden"

Benno Köpfer
Benno Köpfer.
Terrorismusexperte über die Lage nach dem Anschlag in Wien
Stuttgart (epd)

Das Zeigen von Mohammed-Karikaturen und Politiker, die dem politischen Islam den Kampf angesagt haben - das sind Auslöser für junge radikalisierte Männer, Attentate zu begehen, sagt Benno Köpfer, Leiter der Analysegruppe Islamistischer Extremismus und Terrorismus beim Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt er, warum auch Kirchen und Synagogen im Fokus von Attentätern stehen - und weshalb man sich von Gruppenzuschreibungen wie "Migrant" und "Muslim" verabschieden muss.

epd: Paris, Nizza, Wien … die Ereignisse überschlagen sich. Ist eine neue Dimension des islamistischen Terrorismus erreicht?

Benno Köpfer: Das würde ich so nicht sagen. Wir wissen noch nicht alle Details über den Anschlag in Wien, aber wahrscheinlich hat auch hier ein einzelner Täter gehandelt, ebenso wie in Paris, Nizza oder Dresden. Insofern reiht sich dieser Anschlag in eine Serie ein, in der junge, radikalisierte Männer sich dazu berufen sahen, wieder loszuschlagen - getriggert durch bestimmte Ereignisse der letzten Wochen wie die Thematisierung der Mohammed-Karikaturen, aber auch durch Äußerungen von Politikern, die dem politischen Islam den Kampf angesagt haben.

epd: Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland ein - werden wir bei uns auch vermehrt mit Terroranschlägen rechnen müssen?

Köpfer: Die Bedrohung ist auch in Deutschland ein Stück weit größer geworden, weil derzeit von Islamisten das Narrativ bedient und befeuert wird, dass "der" Westen Krieg gegen "den" Islam führt und "die" Muslime unter einer islamfeindlichen staatlichen Willkür leiden. Außerdem kann man mit Mohammed-Karikaturen viele aufstacheln, wie Dänemark 2005 und der Anschlag auf Charlie Hebdo 2015 gezeigt haben.

Zusätzlich dazu sehen wir leider, dass in islamfeindlichen Kreisen solche Anschläge auch instrumentalisiert werden, indem man dann sagt, dass alle Geflüchteten, die 2015 nach Deutschland kamen, tendenziell "Messermänner" und "Terroristen" sind. Da gibt es eine sogenannte "Co-Radikalisierung", die nicht ausschließt, dass es zu Gewalttaten gegen muslimisch aussehende oder muslimische Menschen in Deutschland kommen kann. Von daher ist die Gefahr, dass es zu Gewalttaten kommt, insgesamt gewachsen.

epd: Aber warum ist das Zeigen von Mohammed-Karikaturen ein so heikles Thema und warum sind deshalb sogar Menschen bereit, zu töten?

Köpfer: Der Prophet im Islam hat eine ganz herausgehobene Stellung. Als jemand der das Wort Gottes verkündet, gilt er schon fast als eine übermenschliche, heldenhafte Gestalt, die auch nach vorherrschender islamischer Meinung nicht bildlich dargestellt werden darf. Angriffe auf seine Person werden dann als ganz persönlich und schmerzhaft empfunden. Hinzu kommt bei vielen eine unkritische Religiosität, die nicht bereit ist, sich infrage stellen zu lassen.

Letztlich geht es aber nicht nur um den Propheten und die Karikaturen, sondern viele Muslime interpretieren diese als einen Angriff auf ihre muslimische Identität. Für sie geht es darum, Muslim sein zu dürfen in einem nichtmuslimischen Umfeld.

Wenn es dann zu Karikaturen kommt, begibt man sich gerne in eine Opferhaltung, die Muslime als Opfer von Anfeindungen wahrnimmt. Das hat zur Folge, dass die muslimische Community enger zusammenrückt. Und dann sagt der eine oder andere, jetzt muss ich mich aber mit Gewalt gegen diese Anfeindungen wehren. Diese jungen Männer glauben, sie handeln im Namen einer großen Community, weil ja alle sagen es ist ganz schlimm, wenn der Prophet beleidigt wird.

epd: In Nizza gab es einen Terroranschlag in einer Kirche, in Wien gab der mutmaßliche Täter Schüsse vor einer Synagoge ab - warum suchen sich die Attentäter Gotteshäuser als Ziele aus?

Köpfer: In dschihadistischer Propaganda, die die Täter sicherlich über die sozialen Medien beeinflusst hat, wird häufig von christlichen Kreuzfahrern als Feinden gesprochen. Wenn der Täter sich an IS-Propaganda orientiert, gibt es zusätzlich unzählige Videos von Kirchen im Irak und in Syrien, die dem Erdboden gleichgemacht worden sind - oder Aufnahmen, die Übergriffe und Ermordungen von Kopten in Ägypten verherrlichen.

Die Dschihadisten sehen sich in einem Religionskrieg, in einem Streit des wahren Islam mit einem dämonisierten Christentum. Dasselbe gilt für Juden, die dann aber noch dazu als Vertreter Israels oder des Zionismus in Europa angegriffen werden. Aufgeladen mit dem Nahostkonflikt feiern sich manche Täter außerdem als Rächer des palästinensischen Volkes, wenn sie jüdische Ziele in Europa angreifen.

epd: In Paris wurden zwei Tage nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty wohl aus Fremdenhass zwei Musliminnen unter dem Eiffelturm niedergestochen: Was kann getan werden, damit unschuldige Muslime nicht zu Opfern werden und nicht alle Muslime unter Generalverdacht gestellt werden?

Köpfer: Letztendlich geht es um eine klare Haltung auf beiden Seiten. Die Aussage "Terror hat keine Religion" kann ebenso wenig die Antwort auf einen Anschlag sein wie "Islam ist Terror". Der politische Islam muss als solcher benannt werden. Ja, es gibt Muslime, die mit islamischen Wertvorstellungen und Normen Politik machen. Und wenn diese Politik, die sie machen, islamistisch ist, ist sie verfassungsfeindlich und muss ebenfalls als solche benannt werden und im Blick behalten werden. Denn hier sind Konsequenzen erforderlich, da islamistische Vorstellungen und Ideologien den Nährboden für Gewalttaten bieten können.

Generell gilt: Wir müssen den Menschen sehen und dürfen uns nicht an Äußerlichkeiten orientieren. Jemand, der einen Migrationshintergrund hat, kann auch derjenige sein, der ein Leben rettet oder beherzt eingreift, wie der Anschlag in Wien gezeigt hat.

epd-Gespräch: Judith Kubitscheck