Das Kap braucht neue Hoffnung
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Die Reisegruppe vor der Kapstadtkulisse.
Kirchliche Delegation sieht Korruption als Entwicklungsbremse
Kapstadt/Stuttgart (epd)

Das kleine schwarze Mädchen mit dem Zopf strahlt die Besucher aus Deutschland an. Es ist vielleicht zwei Jahre alt und tapst am späten Abend vor dem Verschlag aus Holz und Plastikfolie auf die Passanten zu. In der notdürftig zusammengebastelten Hütte brennt eine kleine Kerze und taucht das Innere in ein schummriges Licht. Nebenan stehen eine Handvoll weiterer Verschläge unter der Ruine einer Autobrücke, nur wenige Gehminuten von Kapstadts Touristenmagnet, der «Waterfront», entfernt.

Die Armut im Land ist nach den ersten demokratischen Wahlen 1994 nicht geringer geworden. Was zu Apartheidszeiten eine unmittelbare Folge der von der weißen Regierung erzwungenen Rassentrennung in fast allen Lebensbereichen war, ist heute ein Produkt von Korruption und politischem Missmanagement. Nicht die Rasse, sondern die Klasse bestimmt die gesellschaftliche Position. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 30 Prozent, unter jungen Erwachsenen soll sie sogar 80 Prozent betragen.

Besonders enttäuscht darüber sind die Kämpfer gegen die Apartheid, die auf das neue Südafrika große Hoffnungen gesetzt hatten. Dazu gehört Lionel Louw. Er war in den 1980-er Jahren Präsident des regionalen Südafrikanischen Kirchenrats im westlichen Kap gewesen und ist es heute wieder. «Wir haben damals für den Sturz der weißen Regierung gebetet», erzählt er den acht Synodalen und vier weiteren Mitgliedern einer Delegation der württembergischen evangelischen Landeskirche. Doch sehe er heute die Partei «Afrikanischer Nationalkongress» (ANC), die seit 1994 das Land regiert, im Niedergang. Er selbst habe anfangs zur Wahl des ANC aufgerufen.
Inzwischen verliere die Partei an Einfluss, weil sie Korruption und einer Politik für Eliten zu viel Raum gebe.

Diese Sicht bestätigt Christopher Saunders, emeritierter Professor für südafrikanische Geschichte an der Universität von Kapstadt. Der 79-Jährige berichtet, wie die Korruption das Land und seine Wirtschaft lähmt. Am Kap werde mangels Energie inzwischen bis zu sechs Stunden am Tag der Strom abgestellt - ein Phänomen, das es früher nie gegeben habe. Inzwischen sabotierten Dieselhändler Stromverteilstationen, weil bei Stromausfall sofort die Generatoren angeworfen und damit die Dieselverkäufe angekurbelt würden.

Die württembergische Synodale Heidi Hafner ist über diese Entwicklungen sehr traurig. Die 62-Jährige, die in Schafhausen bei Leonberg eine halbe Pfarrstelle versieht, hatte sich in den 80er-Jahren mit großer Energie für die Abschaffung der Apartheid eingesetzt, etwa durch den Verein «Südafrika Stipendienfonds». Bei der Begegnungsreise muss sie nun feststellen: «Für die Breite der Bevölkerung hat sich nichts groß geändert.» Hoffnung machen ihr neue Initiativen des Südafrikanischen Kirchenrates, junge Menschen auf Führungsaufgaben vorzubereiten, sie im Anbau von Nahrungsmitteln zu unterrichten sowie Gewalt gegen Frauen, Homosexuelle und Trans-Personen zu bekämpfen.

Die Reise der württembergischen Landessynodalen - begleitet von Oberkirchenrat Ulrich Heckel und der landeskirchlichen «Außenministerin» Christine Keim sowie den Mitarbeitern der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS), Georg Meyer und Manuela Plapp - nahm aber nicht nur die gesellschaftliche Entwicklung des Landes in den Blick. Im Mittelpunkt standen Begegnungen mit Vertretern der Moravian Church. Diese Kirche geht auf die Herrnhuter Brüdergemeine zurück. Im Jahr 1737 wurde der Missionar Georg Schmidt an den südlichen Zipfel Afrikas geschickt. Er gründete dort eine Station namens Genadendal (Gnadental). Heute hat die Moravian Church im südlichen Afrika nach eigenen Angaben rund 100.000 Mitglieder.

Yasna Crüsemann, Vorsitzende des Synodenausschusses «Mission, Ökumene und Entwicklung», und Synodenpräsidentin Sabine Foth besuchten einen Gottesdienst der Moravians in Belhar bei Kapstadt.
Die Moravian Church hat offenkundig bei den Seelsorgern ein Nachwuchsproblem. Demnächst gehen 17 Pastoren in den Ruhestand, aber nur zwei rücken nach. Am Theologischen Seminar in Heideveld bei Kapstadt sind noch zwölf Studenten eingeschrieben - davon bereiten sich gerade mal vier auf den vollzeitlichen Dienst in der Kirche vor.

Dabei erweisen sich die Moravians als stark in der Diakonie. In Genadendal haben sie mithilfe von EU-Geldern eine Stelle gestartet, die gleichzeitig einen ambulanten Pflegedienst mit 14 Mitarbeitern und eine kostenlose Rechtsberatung organisiert. In Elim betreiben sie das einzige Behindertenheim in der Region.

Die Ausschussvorsitzende Crüsemann zeigt sich in einem Fazit der Reise erschüttert von der extremen sozialen Ungleichheit im Land. «Ökumene heißt wahrnehmen, hören, lernen und teilen, was die Geschwister in den Partnerkirchen bewegt und welchen Herausforderungen sie begegnen. Das geht nicht per Zoom. Das muss man sehen, hören, fühlen», sagt sie.

 

Von Marcus Mockler (epd)