Immer mehr junge Sachsen-Anhalter in Psychotherapie

Magdeburg (epd)

Die Zahl der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Sachsen-Anhalt, die psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, hat sich zwischen 2009 und 2019 mehr als verdreifacht. Ihre Zahl nahm in dem Zeitraum von 5.100 auf rund 16.000 zu, wie aus einem Bericht der Barmer-Landesvertretung Sachsen-Anhalt hervorgeht, der am Mittwoch in Magdeburg vorgestellt wurde.

Der Anstieg betrug damit 214 Prozent, bundesweit fiel er mit 103 Prozent nicht einmal halb so hoch aus. Im Vergleich der Bundesländer war er mit 239 Prozent nur in Mecklenburg-Vorpommern noch höher als in Sachsen-Anhalt. Der geringste Zuwachs wurde demnach mit 52 Prozent in Bremen verzeichnet.

Mit Blick auf die Ursachen verwies Barmer-Landesgeschäftsführer Axel Wiedemann neben sozialem Stress und steigenden Leistungsanforderungen an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene vor allem auf eine Reform der psychotherapeutischen Versorgung 2017. Er sprach von einem "Nachholeffekt", da die Zugangsmöglichkeiten zu Hilfsangeboten verbessert worden seien und mehr Therapeutinnen und Therapeuten die Möglichkeit bekommen hätten, sich niederzulassen.

Zudem sei es mittlerweile gesellschaftlich sehr viel akzeptierter, sich wegen psychischer Probleme in Behandlung zu begeben, erklärte Wiedemann. In Sachsen-Anhalt könne dabei beobachtet werden, dass bis zum Eintritt der Pubertät Jungen häufiger betroffen seien, bei den 14- bis 17-Jährigen indes vor allem Mädchen. Nicht verbessert hat sich demnach die Wartezeit auf einen Therapieplatz, die bei durchschnittlich drei Monaten liege.

Quer durch alle Altersgruppen und Geschlechter waren demnach mit einem Anteil von 23 Prozent die häufigsten Anlässe für eine Psychotherapie Reaktionen auf Belastungen und Anpassungsstörungen. Dahinter folgten depressive Episoden (14,3 Prozent) und emotionale Störungen (13,6 Prozent).

Viele der jungen Erkrankten leiden den Angaben nach über viele Jahren an den psychischen Problemen. Mehr als jeder dritte Betroffene sei auch mehr als zwei Jahre nach dem Beginn einer Therapie noch in Behandlung. Bei mehr als 60 Prozent der Betroffenen sei auch im fünften Jahr nach Therapiebeginn noch eine psychische Störung festgestellt worden. "Haben sich psychische Probleme erst einmal chronifiziert, wird die Behandlung oft schwieriger und langwieriger", bilanzierte Wiedemann.

Auch wenn es noch keine validen wissenschaftlichen Daten gibt: Die Corona-Pandemie scheint die psychischen Belastungen für junge Menschen weiter zu verstärken. So antworteten den Angaben nach 80 Prozent der Befragten einer Umfrage unter Kinder- und Jugendtherapeuten in Sachsen-Anhalt, dass die Anfragen von Familien während des zweiten Lockdowns ab November 2020 deutlich zugenommen hätten.

Die Magdeburger Psychotherapeutin Barbara Breuer-Radbruch erklärte, Fälle psychischer Vernachlässigung bei Kindern und Jugendlichen hätten seither um 57 Prozent zugenommen. Fälle psychischer Misshandlung nahmen demnach um 43 Prozent zu, häusliche Gewalterfahrungen um 41 Prozent. Barmer-Landeschef Wiedemann erklärte, er wünsche sich, dass sich die Gesellschaft nach der Pandemie "auch ganz intensiv um die Kinder und Jugendlichen und ihre Themen der Aufarbeitung" kümmere.