Garnisonkirche: Kritiker thematisieren Nationalprotestantismus

Potsdam (epd).

Der kritische „Lernort Garnisonkirche“ treibt die Auseinandersetzung mit der umstrittenen Geschichte und Militärtradition der Potsdamer Garnisonkirche weiter voran. Mit neuen Beiträgen auf der eigenen Webseite werde jetzt der preußische Nationalprotestantismus in den Blick genommen, sagte der Architekturexperte Philipp Oswalt von der Lernort-Initiative am Dienstag in Potsdam. Damit zeige sich auch, dass die 1945 zerstörte und 1968 abgerissene Garnisonkirche ein „Walhalla deutscher Gotteskrieger“ gewesen sei. Ein Bruch mit dieser Tradition müsse beim derzeit laufenden Neubau des Kirchturms in der Architektur Ausdruck finden.

Der Wiederaufbau sei auch mit der Frage der Kirchentradition verbunden, sagte Oswalt, der von 2009 bis 2014 Direktor der Bauhaus-Stiftung Dessau war. Das politische Problem eines deutlichen Bruchs mit den historischen Traditionen sei nur zu retten, wenn in Potsdam „Bau und Gegenbau“ im Stadtbild ihren Platz hätten. Das in der DDR unmittelbar am Standort der ehemaligen Garnisonkirche errichtete Rechenzentrum müsse deshalb erhalten werden und den neuen Kirchturm ergänzen. Der Bruch mit der Geschichte könne dadurch zum Ausdruck gebracht werden, dass „dem schönen Barockbau ein Rechenzentrum im Weg steht“, sagte der evangelische Theologe Andreas Pangritz, Direktor des Ökumenischen Instituts der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Ein Schriftzug mit Bibelspruch am Sockel des neuen Kirchturms reiche nicht aus, hieß es. Auch Kriegstreiber hätten in der Geschichte vom Frieden geredet und Bibelverse benutzt. Friedensrhetorik allein sei kein Ausweis für eine friedliche Gesinnung, betonte der Leipziger Religionswissenschaftler Horst Junginger. Der Sockelspruch sei „nicht hinreichend“, sagte Oswalt.

Die neuen Forschungsergebnisse zeigten unter anderem die Verstrickung der Garnisonkirche in die Kolonialkriege und den Völkermord an den Herero und Nama, die Verherrlichung von Gewalt und Heldentod von dort tätigen Pfarrern im Ersten Weltkrieg und Begeisterung für die NS-Machtergreifung 1933, sagte Oswalt. Die Garnisonkirche sei spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts „bitteres Beispiel für das Wirken des deutschen Nationalprotestantismus“ gewesen, der Antisemitismus, Frankophobie, Polenhass, völkisches Denken, Rassismus, Militarismus, Demokratiefeindlichkeit und Obrigkeitsgehorsam propagiert habe.

Die Garnisonkirche sei der wichtigste Symbolort des deutschen Nationalprotestantismus gewesen, sagte Oswalt. Mit Blick auf die militärischen Traditionen habe sie in Deutschland ein „Alleinstellungsmerkmal“ gehabt und sei „die Ikone“ gewesen. Diese Fragen kämen beim Turmbau weiter zu kurz. Zum Teil würden diese Traditionen auch weiter beschönigt, unter anderem mit der Bezeichnung als nationales Tafelsilber. Tatsächlich blicke man bei der Geschichte der Garnisonkirche in Abgründe, betonte Oswalt: „Das ist kein Tafelsilber, das ist Giftküche.“

Anfang Oktober solle das Thema bei einer Tagung in Berlin eingehender thematisiert werden, hieß es. Dazu werde auch der Kuratoriumsvorsitzende der Garnisonkirchenstiftung und Berliner Altbischof Wolfgang Huber erwartet.