"Hätten Sie doch nur Ihr Gewissen mehr angestrengt"

Nach 44 Prozesstagen wurde SS-Wachmann Bruno D. (93) schuldig gesprochen
Hamburg (epd)

Es war einer der letzten großen NS-Prozesse. Die mediale Aufmerksamkeit war riesig, Medien aus verschiedenen Ländern saßen im Zuschauerraum. Der gesamte Prozess wurde aus historischen Gründen mitgeschnitten. Angeklagt war der 93-jährige Bruno D., der von August 1944 bis April 1945 als SS-Wachmann im KZ Stutthof (bei Danzig) tätig war. Die Staatsanwaltschaft warf ihm Beihilfe zum Mord in mindestens 5.232 Fällen vor und forderte drei Jahre Haft nach dem Jugendstrafgesetz. Da der Angeklagte zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alt war, fand der Prozess vor der Jugendstrafkammer des Hamburger Landgerichts statt. Am Donnerstag (23. Juli) wurde der Angeklagte zu einer zweijährigen Strafe mit Bewährung verurteilt.

Nach außen wirkte Bruno D. fast stoisch. An jedem der 45 Verhandlungstage seit dem 17. Oktober 2019 war er anwesend. Der Ablauf war stets der gleiche: Bruno D. wurde im Rollstuhl an seinen Platz gefahren, so dass schwer zu erkennen war, wie rüstig der alte Mann noch ist. Immer hielt er einen Aktenordner vors Gesicht, mal rot, meist gelb. Erst nachdem Fotograf und Kameramann den Saal verlassen mussten, nahm er ihn runter und den Hut vom Kopf.

Meist verfolgte D., der seine Wachtätigkeit zu Beginn des Prozesses zugegeben hatte, mit ruhigem Gesicht die Befragungen von Zeitzeugen, Historikern, Ärzten. Manchmal schien er erschöpft. Mit Mimik reagierte er kaum auf das Gehörte. Doch als etwa die Nebenklägervertreter ihre Plädoyers hielten, war sein Blick wach, und er schüttelte immer wieder den Kopf - ganz leicht, aber nicht zu übersehen.

In dem Prozess ging es um einen ganz frühen Abschnitt im Leben des in Pommern geborenen Bruno D.. Es hat fast bis zum Ende seines langen Lebens gedauert, bis darüber entschieden wurde, ob er vor 75 Jahren Unrecht getan hat oder nicht. Dazwischen lebte er ein Leben, das man unbescholten nennt. Er arbeitete als Bäcker, gründete eine Familie, mit der er seinen Angaben nach nie über das in Stutthof Erlebte sprach - außer mit seiner Frau. Seinen Lebensabend habe er sich anders vorgestellt - mit dieser Aussage am 21. Oktober 2019 sorgte er für Empörung. Für die Überlebenden und Hinterbliebenen war das an Zynismus kaum zu übertreffen.

"Sie taten mir furchtbar leid", sagte er damals über die Gefangenen. Doch er sah sich selbst eher in einer Opferrolle: Er sei gezwungen worden, auf dem Wachturm der SS zu dienen. Die Bilder hätten ihn sein ganzes Leben lang verfolgt. Auch als er am 20. Juli die letzten Worte sprechen durfte, blieb er dabei: Er habe keine andere Wahl gehabt. Dennoch entschuldigte er sich bei den Überlebenden und Angehörigen und sagte, diese "Hölle des Wahnsinns" dürfe sich nie wiederholen.

D. wurde immer begleitet von seiner Familie: Seine Tochter saß meist neben ihm und seinem Anwalt, Frau und Enkel verfolgten jeden Prozesstag als Zuschauer. Die Richterin hatte sie aus "besonderen sachlichen Gründen" zugelassen - "zur emotionalen Unterstützung". Ebenso beständig begleiteten Mitglieder des Auschwitz-Komitees den Prozess: mit einer Mahnwache gegenüber dem Gericht an jedem Verhandlungstag. "Gegen das Vergessen" stand auf einem Banner. Es ging nicht um die individuelle Strafe für D., sondern um das Urteil allgemein. Um eine gesamtgesellschaftliche Positionierung.

Er sei "einer der Gehilfen der menschgemachten Hölle" gewesen, sagte die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring in der Urteilsbegründung. Er würde bei sich selbst nach wie vor keine Schuld sehen. Dennoch habe er sich im Laufe des Prozesses seiner Schuld genähert. "Das ist anerkennenswert." Auch hätte sich D. dem Ganzen wohl leicht entziehen können. "Einen auf dementen alten Mann machen", nannte es Nebenkläger-Vertreterin Christine Siegrot in ihrem Plädoyer am 14. Juli. Doch das tat er nicht, er stellte sich dem Prozess. "Wir zeigen nicht mit dem Finger auf Sie", sagte Meier-Göring zum Angeklagten. Aber es sei falsch gewesen, was er damals getan habe. "Hätten Sie doch nur Ihr Gewissen mehr angestrengt."

Groß schien zu Prozessbeginn die Sorge, der Angeklagte könnte den Prozess nicht durchhalten. Die Vorsitzende Richterin appellierte an Medien und Prozessbeobachter, unnötige Aufregung für D. zu vermeiden. Ihre Fragen an den 93-Jährigen waren hartnäckig, aber sie blieb immer respektvoll und sprach mit sanfter Stimme. Ebenso die Fragen und Plädoyers der Nebenkläger-Anwälte. Sie wollten keine Haftstrafe, ließen einige Überlebende über ihre Vertreter kommunizieren. Polemik gab es in diesem Prozess nicht. Alle Prozessbeteiligten einte ganz offensichtlich eins: der Wunsch nach Aufarbeitung.

Von Julia Fischer (epd)