"Neigung zur Zärtlichkeit"

"Nagelkünstler" Günther Uecker wird 90 Jahre alt
Düsseldorf, Schwerin (epd)

Nagelobjekte und weiß übermalte Reliefs haben Günther Uecker international bekanntgemacht. Der Maler und Bildhauer zählt zu den wichtigsten deutschen Gegenwarts-Künstlern, seine Werke stehen oft im Spannungsfeld zwischen Bedrohung und Hoffnung auf eine humane Wirklichkeit. "Zu dem, was ich sichtbar machen kann, gehören die Neigung zur Zärtlichkeit, die Möglichkeit, Mitgefühl für andere zu erzeugen", so sagte es Uecker einmal. Am 13. März wird er 90 Jahre alt.

In seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern, wo er 1930 in Wendorf zur Welt kam, wird er umfassend geehrt: Die Kunsthalle Rostock zeigt die 42 Druckgrafiken des Zyklus "Huldigung an Hafez", eine malerische Auseinandersetzung mit der Lyrik des persischen Dichters aus dem 14. Jahrhundert. In Schwerin präsentiert das Staatliche Museum bereits seit dem 20. Februar die Ausstellung "Uecker 90". Die Landesbibliothek "Günther Uecker" zeigt unter dem Titel "Das Buch Hiob" im Frühjahr Arbeiten des Künstlers.

Und im Schweriner Dom ist am 15. März ein Gottesdienst geplant, bei dem Ueckers Werk "Wer wirft den ersten Stein" im Mittelpunkt steht. Er hatte es 2001 für die evangelische Kirchengemeinde Bottrop geschaffen. Die Gemeinde hatte damals für eine Ausstellung gegen Rassismus und Gewalt eine ganze Reihe von Künstlern gebeten, Werke zur Verfügung zu stellen. Uecker wickelte einen schweren, dicken Felsstein in Bandagen und schrieb den Titel seines Werks darauf, der sich auf ein Bibelwort aus dem Johannesevangelium bezieht: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

Seit den 1980er Jahren setzt Uecker sich zunehmend mit politischen Themen auseinander. Seine in rund 60 Ländern ausgestellten Arbeiten "Der geschundene Mensch" sind eine Anklage gegen die Gewalt gegenüber Ausländern und Andersdenkenden, der Zyklus "Aschebilder" befasst sich mit der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl. Für die Toten des Konzentrationslagers Buchenwald schuf er ein Steinmal. 1999 gestaltete Uecker den Andachtsraum des Berliner Reichstagsgebäudes.

Erst im hohen Alter erklärte er die Vorliebe für Nägel mit einer Kindheitserfahrung während des Zweiten Weltkriegs auf der Ostsee-Halbinsel Wustrow, wo er aufwuchs. Er habe das kleine Haus der Familie mit Brettern zugenagelt, um seine Mutter und seine Schwestern vor Übergriffen russischer Soldaten zu bewahren. Und er berichtete von der Erinnerung, dass er nach dem Untergang der "Cap Arcona" im Mai 1945 Dutzende angespülte Leichen vergraben habe.

In der DDR studierte Uecker Malerei in Wismar, ging dann 1953 nach Westberlin und kam 1955 nach Düsseldorf, wo er an der renommierten Kunstakademie bei Otto Pankok studierte. Ueckers Wahl fiel auf Pankok als Professor, weil er ein Bild des Künstlers gesehen hatte, auf dem Jesus über dem Knie ein Gewehr zerbricht. Erste Nagelbilder entstanden 1958, daneben schuf er Malerei, Zeichnungen, Skulpturen und Bühnenbilder und hatte in der NRW-Landeshauptstadt bereits 1960 seine erste Einzelausstellung.

1961 schloss er sich der von Heinz Mack und Otto Piene gegründeten Gruppe "Zero" an. Von 1974 bis 1995 unterrichtete er als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Zu seinen Werken haben ihn nach eigenem Bekunden nicht zuletzt Reisen in asiatische Länder inspiriert. Seit der deutschen Wiedervereinigung lebt und arbeitet Uecker häufig auf der Ostsee-Halbinsel Wustrow.

Holzlatten, Leinentücher, Steine, Asche, Sand oder Schriftblätter sind einige seiner typischen Materialien - neben Nägeln natürlich. Wobei der Nagel beides symbolisiert: Verletzung und Schmerz, aber auch Schutz. Wie beim Igel oder Stachelschwein recken sich die dicht gesetzten Nagelköpfe auf seinen Werken möglichen Angreifern entgegen.

Zu seiner Kunst gehört auch die Beschäftigung mit Religionen. Der Tod, sagte Uecker einmal, sei für ihn nur ein Übergang: "Danach kommt etwas ganz anderes, das wir uns nicht vorstellen können. Darauf kann man doch neugierig sein."

Von Andreas Rehnolt (epd)