Es beginnt mit einem gemalten Jesuskind und endet mit einer Jugendlichen am Handy: Die Ausstellung „Kinder, Kinder!“ im Bucerius Kunst Forum spannt einen weiten Bogen. Ab Freitag wird in sechs Kapiteln die Darstellung von Kindern in der Kunst vom 16. Jahrhundert bis heute präsentiert. „Es sind sehr unterschiedliche Perspektiven - von herrschaftlichen Repräsentationsporträts bis zu spontanen Momentaufnahmen“, sagte Museumsdirektorin Kathrin Baumstark bei der Vorstellung der Schau am Mittwoch. Bis zum 6. April 2026 sind die rund 150 Werke zu sehen, darunter vor allem Gemälde, aber auch Fotografien, Grafiken, Medienkunst und Skulpturen.
„Kinder, Kinder!“ präsentiert unter anderem Werke von Tizian, Anthonis van Dyck, Oskar Kokoschka, Paula Modersohn-Becker, Philipp Otto Runge, Rineke Dijkstra und Gerhard Richter. „Kinderbilder spiegeln in besonderer Weise die Werte- und Normvorstellungen einer Gesellschaft und deren Wandel wider“, sagte Kuratorin Katrin Dyballa. Dabei würden Herkunft, Status und mitunter auch das Geschlecht eine wichtige Rolle spielen. In adeligen Kreisen um das Jahr 1500 wurden Jungen oftmals in Rüstung präsentiert, um den Herrschaftsanspruch der Familie zu untermauern. „Töchter wurden dagegen schon im jüngsten Alter aus heiratspolitischen Gründen abgebildet, um Allianzen anzubahnen“, sagte Dyballa.
Lächeln trotz Armut
Kinderbildnisse wurden im Laufe des 16. Jahrhunderts auch in der gehobenen Bürgerschicht populär. Im 17. Jahrhundert fielen sie auch repräsentativ und extravagant aus. Ebenfalls im 17. Jahrhundert griffen Genremaler das Motiv armer Kinder auf, das bis heute fortlebt. „Dabei ging es den Künstlern allerdings nicht vorrangig um Gesellschaftskritik, denn die Kinder haben trotz dreckiger Füße und kaputter Kleidung ein Lächeln im Gesicht“, sagte Dyballa. Kinderarbeit sei damals nicht grundlegend abgelehnt worden, sondern wurde als positiver Beitrag zum Familieneinkommen gesehen.
Die Ausstellung stellt auch wiederkehrende Muster fest. So würden die Vorstellungen von Mutter-Kind-Beziehungen bis heute von historischen Madonnendarstellungen beeinflusst. Der Vater trat meist in den Hintergrund. Erst wenn der Stammhalter der Familie vorgestellt werde, würden sich die Väter bewusst an der Seite ihres Nachwuchses zeigen, seien oft aber wenig zugewandt. Dyballa: „Bis in die Moderne sind intime Vater-Kind-Bilder eine Seltenheit.“
Kindheit als Entwicklungsphase
Der gravierendste Wandel in der Gesellschaft fand im 18. Jahrhundert statt: Seitdem wird die Kindheit als eigenständige Entwicklungsphase verstanden. „In reformpädagogischen Schriften wurde das Spiel in der freien Natur abseits der Erwachsenenwelt gefordert“, sagte die Kuratorin. In Gemälden streiften Kinder lachend durch den Wald, wurden mit Spielzeug und in Verkleidungen abgebildet.
Was in den Kinderbildern des 16. Jahrhunderts angelegt war, habe sich mit der Zeit in der bildenden Kunst zu einem eigenständigen und beliebten Thema des Kindseins entwickelt: Sich-Ausprobieren, an die Grenzen gehen, Zeichnen, Spiel und Miteinander seien prägend für die wichtigste Lebensphase des Menschen. Kuratorin Dyballa hofft, dass Besucherinnen und Besucher mit einem guten Gefühl und Erinnerungen an die eigene Kindheit nach Hause gehen. „Etwas Schönes können wir gerade in den heutigen Zeiten gut gebrauchen“, findet auch Direktorin Baumstark.