Die Vielfalt des Georges Braque

Hamburger Bucerius Kunst Forum zeigt Retrospektive des franzosischen Malers
Hamburg (epd)

Bekannt ist der französische Maler Georges Braque (1882-1963) durch seine abstrakten, ockerfarbenen Ölgemälde: Geometrische Figuren, Landschaften und Bauwerke. Die neue Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunst Forum "Tanz der Formen" möchte eine neue Sichtweise auf die Kunst des Franzosen eröffnen. 80 Werke aus allen Schaffensphasen sind bis zum 24. Januar 2021 zu sehen. Der größte Teil stammt aus der Sammlung des Pariser Centre Pompidou.

Farbenfrohe Bilder, Landschaften ohne erkennbaren Horizont: "Das mag verwundern bei diesem Maler", räumt Kuratorin Katrin Dyballa vor den vier Frühwerken ein. Die erste Verwunderung weckt Neugier. So können sich die Besucher auf eine Reise durch die künstlerische Entwicklung seiner Werke begeben. Zu sehen sind 52 Gemälde und 27 Zeichnungen aus der Zeit des beginnenden Kubismus ab 1906 bis zum letzten Gemälde Braques in seinem Todesjahr 1963.

Georges Braque prägte gemeinsam mit seinem Freund und Partner Pablo Picasso den Begriff "Kubismus". Typisch ist die Darstellung von Objekten in Kuben ("Würfeln"). Der Maler verändert die für den Betrachter ursprünglich gewohnte Zentralperspektive: Die Objekte bewegen sich nicht mehr auf einen Fluchtpunkt hin und scheinen sich aufzulösen. Der erste Eindruck von Chaos entwirrt sich später durch näheres Betrachten.

Nach den ersten südfranzösischen Landschaftsbildern aus dem Fischerdorf L'Estaque (bei Marseille) folgen klassische kubistische Motive in einem zweiten Ausstellungsteil. Die frühen Werke von 1908 bis 1914 bestechen durch geometrische Formen, wie bereits Braques künstlerisches Vorbild Paul Cézanne (1839-1906) bemerkte: Die Natur ist dargestellt anhand von geometrischen Figuren wie Zylindern, Kegeln und Kugeln.

Für Braque typisch in dieser frühen Schaffensphase war die Verwendung von unterschiedlichen Materialien neben der Ölfarbe: Stoffe, Zeitungsausschnitte, Furnier-Reste. Auch die Haptik war ihm bei seinen Werken wichtig. Der Hintergrund liegt in seiner Biografie: Sein Vater und sein Großvater, beide der Malerei im Freien verbunden, waren Dekorationsmaler. Auch Braque selbst war schon früh in dem Bauunternehmen seines Vaters als Dekorationsmaler beschäftigt und hat in Paris seine dreijährige Malerlehre abgeschlossen.

Eine weitere Seite des Künstlers zeigen Zeichnungen aus der Mitte der 20er Jahre, denen die Ausstellung einen eigenen Raum widmet. Zu sehen sind Arbeiten, die Braques Tätigkeit als Kostüm- und Bühnenbildner dokumentieren. Er arbeitete in dieser Zeit vornehmlich an Kostümentwürfen für das "Ballet Salade", das 1924 in Paris aufgeführt wurde. Barockartige Kleider, Pluderhosen in Gelb- und Rottönen sowie Stoffproben, die Braque an seine Entwürfe heftete, sind zu sehen. Dieses ganz eigene, eher untypische Kapitel erscheint wie ein Ausflug in eine Welt des Zauberhaften und Schönen.

Der letzte Teil der Ausstellung zeigt einen realistischen und lebensfrohen Braque. In den 50er Jahren stand die Ornithologie im Vordergrund in seiner Malerei: Er selbst hat zu dieser Zeit regelmäßig Vögel in der Camargue beobachtet und diese Erfahrungen in seinen Gemälden verarbeitet. Im Pariser Louvre durfte er Anfang der 50er Jahre ein Deckengemälde mit Vogelmotiven gestalten.

Für ihn standen die Vögel für die Leichtigkeit, den Raum zu durchqueren. Auch die anfängliche Materialästhetik mit Sand und Holzspänen kam wieder. Der älter werdende Braque kehrte offenbar zurück zu seinen Wurzeln. Auch Landschaftsmotive gerieten wieder in den Fokus. Aber jetzt - im Vergleich zum Anfang - ohne Verdrängung des Horizontes: Auf seinem letzten Bild "Jätmaschine" ist auch der Himmel zu sehen.

Von Marieke Lohse (epd)