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Forst-Profis machen den Wald fit für den Klimawandel
Loccum, Kr. Nienburg (epd).

Mit Schwung stampft Karsten Sierk in die Erde. Eine feine Staubwolke wirbelt auf, sie sieht aus wie Asche. „Eigentlich sollte es hier nicht so trocken sein“, sagt er. Der Förster kennt den Klosterforst in Loccum nahe des Steinhuder Meers gut. Sierk beobachtet seit mehr als 30 Jahren, wie der Klimawandel die Natur verändert - und versucht, den Wald fit für eine ungewisse, wärmere Zukunft zu machen.

Ein Blick in die Dürre-Statistik des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt: Seit 2018 ist es außergewöhnlich trocken. Manche Baumarten werden damit einigermaßen fertig, andere gar nicht. Ein Paradebeispiel ist die Fichte. Die Trockenheit setzt dem Kieferngewächs zu. Das freut den Borkenkäfer, der sich mühelos durch die Rinde der geschwächten Bäume nagt. Die Bilder kahler, toter Stämme im Harz sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Aber auch anderswo stressen Hitze und Käfer den Wald.

Karsten Sierk blickt vom staubigen Boden auf. Vor ihm liegt - mitten im Wald - eine Brachfläche, so groß wie eineinhalb Fußballfelder. Bis vor knapp einem Jahr wuchsen dort Fichten. „Die hat man nach dem Krieg aus monetären Gründen gepflanzt. Fichte ist klassisches Bauholz“, erklärt der Förster. Doch Hitze, Wassermangel und Käfer rafften die Bestände im Loccumer Klosterwald dahin.

Nach dem Kahlschlag hat Sierk rund 10.000 Eichen auf der Fläche pflanzen lassen. Teils ragen ihre Stängel zwischen knorrigen Ästen und vertrocknetem Humus aus dem Boden. Mehr als 60 Prozent der jungen Bäume haben die Hitze nicht überstanden. Auch die Blätter der jahrzehntealten Buchen im Wald sind teils bereits braun. Für Herbstlaub ist es aber noch zu früh. „Es ist frustrierend“, sagt der Förster. „Da geht ein Lebenswerk verloren.“

Auch Christian Ammer beschäftigt sich damit, wie sich Deutschlands Wald an den Klimawandel anpassen kann. „Das ist natürlich so ein bisschen Stochern im Nebel“, sagt der Forstwissenschaftler an der Universität Göttingen. Am besten gewappnet seien Wälder, in denen verschiedene Arten nebeneinander wachsen. Zudem suchten Forschende im Genom von Bäumen nach Informationen, ob eine Art sich schnell anpassen kann - oder ob die Änderung des Klimas dazu zu rasch vonstattengeht.

Ammer berichtet auch von einem Ansatz namens „Assisted Migration“. Dieser sieht vor, Saatgut aus wärmeren Gebieten auszusäen - aber nur von Bäumen, die in Deutschland heimisch sind. Die Überlegung dahinter: Buchen aus Spanien sind Trockenheit gewohnt. Vielleicht kommen sie auch hierzulande mit weniger Wasser zurecht.

Mit solchen Maßnahmen ließe sich der Wald nicht nur als Ort zum Erholen und Spazieren erhalten - sondern ebenso als Produktionsstätte von Holz. Förster wie Karsten Sierk haben stets auch den ökonomischen Nutzen des Naturraums im Blick. Der Forstbetrieb dürfe nicht in jedem Jahr minus machen. „Die Bäume wachsen auch ohne Förster. Aber wir wollen hochwertiges Holz produzieren“, sagt der Fachmann. Das heißt: Die Stämme sollen hoch wachsen und erst weit oben eine verästelte Krone bilden. Solche Bäume taugen als Bauholz oder für Möbel. Qualitativ minderwertigere lassen sich als Brennholz verarbeiten. Aufgrund der Energiekrise kann der Förster in diesem Jahr ohne Verluste verkaufen.

Damit auch seine Nachfolgerinnen und Nachfolger hochwertiges Holz ernten können, setzt Sierk Empfehlungen von Forstwissenschaftler Ammer im Klosterwald an vielen Stellen längst um. Da wachsen Eiche, Ahorn, Douglasie, Hainbuche und Linde ganz durchmischt. Lächelnd zeigt Sierk auf einen Bereich, in dem Bäume verschiedenen Alters beieinander stehen und sagt: „Naturverjüngung“. Ein Wort, das der Förster sehr gerne mag. Es bedeutet, dass sich die jungen Bäume hier selbst ausgesät haben. „Für uns ist das kein finanzieller Aufwand, wir müssen die Bäume nur pflegen“, erklärt der Fachmann. Die rund 10.000 Eichen auf der Brachfläche haben dagegen 15.000 Euro gekostet.

Vor einem halben Jahrhundert war das Pflanzen junger Bäume üblich. Den Wald behandelten Försterinnen und Förster damals wie einen Acker: säen, pflegen, ernten - und alles wieder von vorn. „So ein Kahlschlag war jedes Mal eine ökologische Katastrophe“, sagt Sierk. Heutzutage ist das Vorgehen behutsamer. Wenn es nicht sein muss, lässt der Förster stets nur einzelne Bäume fällen, statt ganze Flächen kahlzuschlagen.

Ob der Wald dank Sierks' Einsatz dem Klimawandel trotzen wird, erleben erst die Generationen nach ihm: „In unserem Beruf treffen wir Entscheidungen für die kommenden 100 bis 200 Jahre. Vielen Menschen ist es fremd, so weit vorauszudenken.“

Von Sarah Franke (epd)