Psychologe Bandelow warnt vor Vertrauensverlust in Corona-Maßnahmen

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Psychologe Bandelow warnt vor Vertrauensverlust in Corona-Maßnahmen
Göttingen (epd).

Angesichts von Erfassungslücken bei den Corona-Fallzahlen sowie sinkendem Vertrauen der Bevölkerung in die Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) hat der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow vor einem grundlegenden Vertrauensverlust in die Corona-Politik gewarnt. „Gerade in unsicheren Situationen erwarten viele Menschen eindeutige Fakten und Aussagen. Können diese etwa aufgrund eines komplexen oder widersprüchlichen Geschehens nicht gegeben werden, beginnen die Zweifel“, sagte der Professor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen am Montag im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Laut einer von der „Bild“-Zeitung beauftragten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa aus der vergangenen Woche glauben 57 Prozent der Befragten, dass die RKI-Daten nicht stimmen. Bandelow mahnte, um Vertrauen zu gewinnen, sei es für die politisch Verantwortlichen einerseits entscheidend, klare, verlässliche Botschaften zu vermittelten. Zugleich sollten sie aber deutlich darauf hinweisen, dass Erkenntnisse in einer derart dynamischen Situation oftmals nur vorläufig sein könnten. Permanentes Dazulernen und Neubewerten sei in einer solchen Lage „zwingend erforderlich und nicht etwa ein Zeichen von Inkompetenz oder Unaufrichtigkeit“.

Gerade den Menschen, die durch die Pandemie stark verunsichert seien, müsse immer wieder klargemacht werden, dass erforderliche Anpassungen des Corona-Kurses nicht mit Chaos zu verwechseln seien, sondern aus Lernerfahrungen folgten. „Angstgetriebene Menschen verwechseln das leicht. Ihr Gehirn macht dicht, versucht sich am Eindeutigen festzuhalten, denkt schwarz-weiß“, erläuterte Bandelow. Vielschichtige Informationen seien in ein solches Denken kaum integrierbar. „Im Gegenteil: Es nimmt jede noch so kleine scheinbare Unstimmigkeit zum Anlass, die Pandemiebekämpfung insgesamt infrage zu stellen. Das kann in der Vorstellung gipfeln, dass die Politik nicht weiß, was sie tut - und die Impfung sowieso nicht wirkt.“

Dem neuen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bescheinigte Bandelow überzeugende Krisenkommunikation: „Er begründet seine Entscheidungen klar und faktengestützt - ebenso klar sagt er aber auch, dass sich die Situation und mit ihr die Corona-Maßnahmen ändern können.“ Umso wichtiger sei es, bei der Impfkampagne „nicht herumzueiern“: „Gerade, weil sich auf dem Weg durch die Pandemie immer wieder Kursänderungen ergeben können, muss zumindest die Botschaft, dass nur die Impfung aus ihr herausführt, unmissverständlich durchgehalten werden“, betonte Bandelow.

epd-Gespräch: Daniel Behrendt (epd)