Bremer Telefonseelsorge: Existenzielle Ängste "boomen"

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Bremer Telefonseelsorge: Existenzielle Ängste "boomen"
Bremen (epd).

Die Zahl der Anrufe bei der Bremer Telefonseelsorge blieb 2021 im zweiten Jahr der Corona-Pandemie nach Angaben der Kirche auf einem „sehr hohen Niveau“. Bis Jahresende waren es in Bremen 11.840 Telefonate, wie der Leiter der Einrichtung, der evangelische Pastor Peter Brockmann, am Montag bilanzierte. Die Top-Themen seien Einsamkeit und Isolation, gefolgt von Gesprächen über körperliches Befinden und depressive Stimmung.

„Bei unserem Kernthema Einsamkeit nehmen wir den Einfluss der Pandemie seit der ersten Welle deutlich wahr“, sagte Brockmann. „Natürlich boomen durch die Schließungen und die Kurzarbeit finanzielle oder sogar existenzielle Ängste.“ Bei den Älteren sei durch die Corona-Schutzmaßnahmen die Einsamkeit das Megathema. „Wenn dann noch ohnehin vorhandene psychische oder familiäre Probleme hinzukommen oder Konflikte mit den Kindern, dann ist die Not groß.“

In 813 Gesprächen wurden Brockmann zufolge Suizid-Gedanken geäußert. Auch familiäre Beziehungen waren oft Thema. Corona trat etwas in den Hintergrund, ebenso Stress und Erschöpfung. 2021 waren es acht Prozent weniger Anrufe als 2020, das allerdings mit einer Steigerungsrate von 22,5 Prozent aufgrund der großen Präsenz von Corona ein Ausnahmejahr war.

Wenn nun über Corona gesprochen wurde, dann geht es laut Brockmann häufig um die Angst, dass durch weitere Einschränkungen Einsamkeit und Isolation weiter zunehmen könnten. Etliche Anruferinnen und Anrufern seien überdies verwirrt über unterschiedliche Zugangsregelungen. Zudem erscheine die gesellschaftliche Situation insgesamt brüchig: „Das gibt vielen Menschen nicht die Sicherheit, die sie brauchen, sondern verschärft ihre Situation.“

Ohnehin seien es größtenteils durch krisenhafte Entwicklungen etwa in der Familie, am Arbeitsplatz oder durch eine psychische Krankheit vorbelastete Menschen, die bei der Telefonseelsorge Hilfe suchten, sagte der Theologe dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nach wie vor übersteige die Nachfrage die Kapazität der Telefonseelsorge etwa um das Zehnfache. Brockmann: „Bundesweit gibt es jährlich bis zu elf Millionen Versuche, die Telefonseelsorge zu erreichen, etwa eine Million Seelsorgegespräche kommen zustande.“ Viele Anruferinnen und Anrufer müssten öfter probieren.

Immer wieder werde den Ehrenamtlichen zurückgemeldet, dass alleine die Gesprächsmöglichkeit geholfen habe, sagte Brockmann. „Manchmal genügt es schon, sich Sorgen und Ängste von der Seele zu reden. Ein Gespräch kann helfen, die Gedanken zu sortieren und neue Wege zu erkennen.“ Insgesamt hat die Bremer Telefonseelsorge etwa 70 ehrenamtlich Mitarbeitende, die sich nach einer gründlichen Ausbildung die Schichten rund um die Uhr teilen. Bundesweit sind es in mehr als 100 regionalen Telefonseelsorge-Stellen über 7.700 Freiwillige.