Bischofskonferenz: Neues Konzept für Umgang mit Missbrauch

Lingen, Kr. Emsland (epd)

Die deutschen katholischen Bischöfe wollen am Ende ihrer Frühjahrs-Vollversammlung ein neues Konzept für den Umgang mit Missbrauchsfällen in der Kirche präsentieren. Darin würden einheitliche Vorgaben für die Entschädigung und die Anerkennung des Leids gemacht, kündigte Kardinal Reinhard Marx am Montag im emsländischen Lingen zum Auftakt der bundesweiten Versammlung an. Der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, verurteilte als Botschafter des Papstes sexuellen Missbrauch von Minderjährigen als "abgründiges Verbrechen".

Kardinal Marx sagte als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, für die Opfer müssten noch mehr Anlaufstellen geschaffen werden. Er werde außerdem mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, zusammenarbeiten. Auch mit Betroffenen und Opfern werde es Gespräche über die bestehenden Verbände hinaus geben, sagte Marx. Die noch bis Donnerstag andauernde Vollversammlung aller Bischöfe sei dafür aber nicht der richtige Ort.

Marx kündigte an, die katholische Kirche in Deutschland müsse in allen Fragen, die den Missbrauch beträfen, "zügig vorangehen und nicht darauf warten, was in anderen Teilen der Weltkirche passiert". Er wolle versuchen, dafür auf der Versammlung eine große Gemeinschaft zu stiften - auch wenn die Bischöfe "nicht immer einer Meinung sein werden". Er mahnte jedoch auch zu Geduld. Für viele sei es ein schmerzhafter Lernprozess, bei dem sie sich von langjährigen Vorstellungen verabschieden müssten.

Nach der im September veröffentlichten Missbrauchsstudie wurden zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 Kinder und Jugendliche Opfer sexuellen Missbrauchs. Es fanden sich Hinweise auf 1.670 beschuldigte Kleriker.

Im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen würden die Bischöfe auch die "systemischen Gefährdungen" der Kirche offen diskutieren, kündigte Marx an. Dazu gehörten die Sexualmoral, der Umgang mit Macht in der Kirche sowie die Lebensform und die Ausbildung von Priestern. Beim Thema Zölibat werde es keine einfache Antwort geben. Es werde auch darum gehen, wie die Ausbildung in den Priesterseminaren verbessert werden könne.

Der Apostolische Nuntius Eterovic sagte in einem Grußwort, die Missbrauchsfälle erfüllten die katholische Kirche "mit Scham und Demut, aber auch mit dem Willen, darum zu kämpfen, es aus der Mitte der Kirche und wenn möglich der Gesellschaft herauszureißen". Der Erzbischof erinnerte an zentrale Forderungen von Papst Franziskus: Der Missbrauchsskandal müsse zu einer "Bekehrung" und "Reinigung" führen. "An erster Stelle ist es nötig, auf die Opfer zu hören", sagte Eterovic. Viele Opfer wendeten sich inzwischen direkt an den Apostolischen Nuntius, weil sie mit den Antworten aus den Diözesen nicht zufrieden seien oder weil sie gar keine Antwort erhalten hätten. Für die Opfer sei es aber in jedem Fall besser, vor Ort die nötige Unterstützung zu erhalten.

Neben dem sexuellen Missbrauch stehen laut Marx auch die Situation von Frauen in Leitungspositionen sowie Beratungen über die Europawahl und den zunehmenden Populismus auf der Tagesordnung der Versammlung. Um Frauen in Führungspositionen innerhalb der katholischen Kirche zu bringen, brauche es eine spezielle Förderung: "Das geht nicht einfach von selbst." Die Erfahrungen aus anderen Bereichen lehrten, "dass die Zusammenarbeit von Frauen und Männern einer Sache gut tut". Auch die Frage, ob Frauen künftig zu Diakoninnen geweiht werden könnten, werde in Lingen zur Sprache kommen.

Vor der Frühjahrs-Vollversammlung hatten Laienorganisationen, katholische Frauenverbände und wissenschaftliche Theologen grundlegende Reformen in der Kirche angemahnt. Sie forderten unter anderem die Aufhebung des Pflichtzölibats, die Anerkennung von Homosexualität und die Öffnung von Weiheämtern für Frauen. Eine Abordnung von rund 100 katholischen Frauen wollte am Abend mit einem Schweigemarsch zur Bonifatiuskirche in Lingen ihre Forderungen unterstreichen.