Neue Farbe für das alte Grenzhäuschen
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Jugendliche helfen beim Erhalt der Gedenkstaette Marienborn
Jugendliche helfen beim Erhalt der Gedenkstätte Marienborn
Helmstedt, Marienborn (epd).

Sechs junge Menschen in gelben Jacken arbeiten an diesem Vormittag an dem kleinen Holzhäuschen. Es steht etwas verloren an einem Maschendrahtzaun auf einer großen, betonierten Fläche. Die jungen Erwachsenen schmirgeln vorsichtig die Farbschicht ab, um sie später durch eine neue zu ersetzen. Das frühere Passannahmehäuschen soll für die Nachwelt erhalten bleiben, weil es ein Stück deutscher Geschichte symbolisiert. Hier bei Marienborn, an der Autobahn 2 an der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, wurden bis 1990 die Westdeutschen kontrolliert, die in die DDR einreisen oder nach West-Berlin fahren wollten. Helmstedt/Marienborn war der größte Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze.

Nach 1990 wurde ein Teil der Grenzanlagen abgerissen, nur die Abfertigung in Fahrtrichtung Osten blieb als Denkmal erhalten - und teilt sich heute ein Grundstück mit der benachbarten Raststätte, von der immer wieder Besucher herüberkommen. Die erhaltenen Reste lassen die Monstrosität der damaligen Grenzüberwachung erahnen.

Damit auch die nach 1990 geborenen Generationen dieses Stück deutscher Vergangenheit erfahren können, hat sich die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt als Eigentümerin Hilfe von der Jugendbauhütte Niedersachsen geholt. Bei diesem Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz haben junge Menschen zwischen 16 und 26 Jahren die Möglichkeit, an einem Denkmalschutzprojekt mitzuwirken und dabei praktische handwerkliche Fähigkeiten zu erlernen.

Eine von ihnen ist die 20-jährige Marlene aus Hannover. Vorsichtig entfernt sie die überschüssige Farbe, um die Holzverkleidung für den neuen Anstrich vorzubereiten. „Ich durfte hier eine Führung auf dem Gelände mitmachen“, erzählt sie: „Es ist beeindruckend, dass man hier mit Geschichte arbeitet.“ Die frühere innerdeutsche Grenze kennt sie nur aus den Erzählungen ihrer Eltern. Doch sie finde es wichtig, dass man die Anlage erhalte.

Wenn sie im Juli ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Jugendbauhütte beendet hat, will Marlene eine Ausbildung als Tischlerin beginnen. Dass sie gerne auf dem Bau arbeitet, sei ihr schon länger klar gewesen. Aber: „Ich war mir noch nicht sicher, in welche Richtung es genau gehen soll“, berichtet die junge Frau. In der Jugendbauhütte konnte sie in viele Fachrichtungen hineinschnuppern, um herauszufinden, welche Arbeit am besten zu ihr passt.

Untergebracht sind die FSJler in Gemeinschaftsunterkünften, erzählt Hanno Alsen, der für die Jugendbauhütte Niedersachsen das „Projekt Ostfalen“ betreut, bei dem Jugendliche in verschiedenen Projekte vorwiegend im östlichen Niedersachsen mithelfen. Zehn Freiwillige seien bei dem Projekt dabei und würden bei ihrer Arbeit von Fachleuten angeleitet. Auch an diesem Morgen sind in Marienborn eine Malerin und ein Restaurator vor Ort. Für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sind die Jugendbauhütten auch ein Beitrag zur Nachwuchsgewinnung. Drei Viertel der Jugendlichen würden sich anschließend für einen handwerklichen Beruf entscheiden, sagt Alsen.

Auch Felix Ludwig ist froh, dass die Jugendlichen hier tatkräftig und interessiert mithelfen. Der kommissarische Leiter der Gedenkstätte Marienborn hatte die Bürgerstiftung Ostfalen um Unterstützung bei der Restaurierung der alten Grenzanlagen gebeten, die vorwiegend in den 1960er- und 70er Jahren erbaut wurden und teils in schlechtem Zustand sind. So kam der Kontakt zur Jugendbauhütte zustande.

„Der Sanierungsbedarf übersteigt die Haushaltsmittel bei weitem“, berichtet Ludwig. Dennoch sei es wichtig, die Anlage zu erhalten. „Der Ort hat eine emotionale Aufladung, er steht symbolisch für den Kontrollanspruch der DDR.“ Das sehen offenbar auch die Besucher so: Rund 103.000 seien es im vergangenen Jahr gewesen - deutlich weniger als vor der Pandemie, aber unter ihnen auch zahlreiche Schulklassen, die wie die Jugendlichen von der Bauhütte die DDR nur noch aus Erzählungen kennen.

Copyright: epd-bild/Oliver Gierens

Von Oliver Gierens (epd)