Wenn die Spatzen wieder von den Dächern pfeifen

Dem Haussperling geht es besser, dem Feldsperling nicht

Er ist wieder von der Vorwarnliste der gefährdeten Arten verschwunden: Der Haussperling kann in der Stadt leichter überleben als sein Verwandter auf dem Land. Sauber verputzte und aufgeräumte Städte aber sind nichts für die geselligen Spatzen.

Frankfurt a. M. (epd). Aufatmen bei den Vogelfreunden nach der „Stunde der Wintervögel“: Der Haussperling führt die Liste der häufigsten Vögel am Futterhäuschen immer noch an. Das hat die Zähl-Aktion des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) und des Landesbundes für Vogelschutz Bayern (LBV) Anfang Januar ergeben.

Aber: Die Bürger sichteten fünf Prozent weniger Spatzen als bei der vorjährigen Winterzählung. Der Bestand an Feldsperlingen (5. Platz) hat um vier Prozent abgenommen. Noch 2016 hatte der Haussperling auf der Vorwarnliste der Roten Liste bedrohter Vögel in Deutschland gestanden. Auf der neuen Liste von 2021 wurde dort nur noch der Feldsperling aufgeführt. Ob der positive Trend anhält, zeigt sich, wenn vom 13. bis 15. Mai wird erneut gezählt wird: Bei der „Stunde der Gartenvögel“ sind alle aufgerufen, mitzumachen.

Spatzen sind Kulturfolger, seit Menschen Getreide anbauen, also seit rund 10.000 Jahren. „Das typische 'tschilp' kennen wohl alle“, sagt Roland Prinzinger, Biologe und Ornithologe der Frankfurter Goethe-Universität. Die kleinen, braun-grauen Vögel treten im Trupp auf und sind sehr ortstreu, verbringen ihr gesamtes Leben in der Nähe ihrer Brutplätze. Die Spatzenpaare bleiben über die Jahre zusammen.

In den Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg sah man sie als „Schädlinge“, die Gärten und Felder heimsuchten. Den Spatzen wurde mit Spezialfallen, „Giftweizen“ und Geldprämien nachgestellt. Noch 1965 bot die Vorläuferorganisation des NABU Futterhäuschen unter dem Etikett „Kontraspatz“ an, um die Sperlinge von der Winterfütterung auszusperren.

Doch das ist lange her. 2002 kürte der NABU den Haussperling zum „Vogel des Jahres“. Sein Lebensraum war über die Jahrzehnte kleiner geworden: Er fand keine Nistmöglichkeit mehr an sanierten Hausfassaden. Immerhin stöbern die Haussperlinge in städtischen Cafés noch Brotkrümel auf. Steinmarder und freilaufende Katzen machen ihnen aber zu schaffen. Wer seinen Garten spatzenfreundlich gestalten will, kann samen- oder körnerreiche Arten pflanzen, Stellen für Sandbäder freilassen und die Vögel in Futterhäuschen füttern.

Für die Feldsperlinge lässt die intensive Landwirtschaft mit ihren effizienten Erntemaschinen kaum noch Körner und Wildblumensamen mehr übrig, nach der Flurbereinigung in den 70er Jahren auch keine Sträucher und Hecken als Deckung. Prinzinger macht auch auf die Feinde aus der Luft wie Sperber und Turmfalken aufmerksam, zu deren Hauptnahrung Spatzen gehören.

Auch die Lage der Haussperlinge in den Städten hat sich über die Jahre verschlechtert. Hamburg hat laut Biotop-Kartierung seit Ende der 90er Jahre mehr als 50 Prozent seiner Spatzen verloren. 2019 wurde der Haussperling hier als „gefährdete Vogelart“ gelistet.

In Frankfurt sind noch Spatzen unter den Kaffeehaustischen unterwegs. Laut der Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland gibt es in der Stadt noch bis zu 20.000 Brutpaare. In der Innenstadt schallt das „Tschilp“ von den alten Fassaden, und das Goethe-Haus bietet sogar eine begrünte Fassade. Beide Sperlingsarten stehen aber noch immer auf der hessischen Vorwarnliste der bedrohten Arten.

Mit dem grünen Berlin kann sich die Mainmetropole nicht messen. Die Bundeshauptstadt mit ihren Brachen und alten Hausfassaden ist auch die Hauptstadt der Spatzen. In den märkischen Sandböden können sie die Staubbäder nehmen, die sie benötigen, um sich von Parasiten zu befreien. Denn der sogenannte Dreckspatz ist besonders eigen mit seiner Gefiederpflege.

In Köln leitet Betina Küchenhoff vom Umwelt- und Verbraucherschutzamt seit 2015 das mehrfach preisgekrönte Projekt „Ganz Köln im Spatzenfieber“. „Wir sind unter umweltpädagogischen Aspekten vorgegangen“, sagt die Diplom-Biologin und zählt auf: „Wir haben einen Fotowettbewerb ausgeschrieben für einen Naturkalender, eine Ausstellung kreiert und das Umfeld von Bildungseinrichtungen spatzengerecht gestaltet.“

Spatzengerecht? Neben Kolonie-Nistkästen brauchen die geselligen Spatzen heimische Gehölze als Deckung und Insektenfutterquellen. Denn auch Körnerfresser müssen ihre Jungen mit proteinreichen Insekten aufziehen. Eine sauber verputzte Stadt wie München schneidet da schlecht ab: Die bayerische Landeshauptstadt rangiert mit ihrem Spatzenbestand am Ende der deutschen Städte.

Dabei hat der Sperling unsere Kulturgeschichte mitgeprägt. Was wäre unsere Sprache ohne die Spatzen? Jedes offene Geheimnis pfeifen sie von den Dächern. Und noch immer ist ein Spatz in der Hand mehr wert als die Taube auf dem Dach, auch wenn wir dabei nicht mehr an den Kochtopf denken. Nur das „Spatzenhirn“ steht nicht mehr so hoch im Kurs wie im Mittelalter - damals galt es als Delikatesse, um die Libido zu beflügeln.

Nabu: Haussperling: http://u.epd.de/26wg

Nabu: Feldsperling: http://u.epd.de/26wh

Stunde der Gartenvögel: http://u.epd.de/26wf

Projekt „Ganz Köln im Spatzenfieber“: http://u.epd.de/26u6

Spatzenfibel LBV München (pdf): http://u.epd.de/2755

Von Claudia Schülke (epd)