Strom aus der Wüste: Was ist bei Desertec schiefgelaufen?
Drei Fragen an den Physiker Michael Düren
Berlin, Gießen (epd).

Der Gießener Physiker Michael Düren hat einst die Desertec-Initiative mitgegründet. Die Idee war es, grünen Strom dort zu erzeugen, wo er am günstigsten ist, etwa mit Solarwärmeanlagen in der sonnenreichen Wüste. Düren erläutert im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst, was bei dem Projekt schiefgelaufen ist.

epd: Wäre die Desertec-Vision Realität geworden, hätten wir heute wohl so einige Probleme weniger. Europa würde grünen Solarstrom aus der Sahara beziehen und die dortigen Kraftwerke könnten auch noch für die Meerwasserentsalzung eingesetzt werden. Warum ist das Projekt gescheitert?

Michael Düren: Wir wollten damals, als erneuerbare Energien nur ein Randbereich waren, Vorreiter sein und die Anlagen dort aufstellen, wo sie am sinnvollsten sind. Ein Beispiel: Ich habe eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. Ich weiß aber, wenn ich dieselbe Anlage in Afrika aufstelle, hole ich dreimal so viel Strom heraus. Als allerdings Desertec mit Pilotprojekten starten sollte, war die Bankenkrise in Europa, wo das Geld der Investoren nicht mehr so locker saß. Danach kam der arabische Frühling, wo es weniger Vertrauen gab, dass die investierten Gelder auch sicher sind. Ich würde trotzdem nicht von Scheitern sprechen: Desertec ist für mich die Idee, dass man aus Regionen, in denen erneuerbare Energien reichlich vorhanden sind, die Energie dahin transportiert, wo viel gebraucht wird. Und ich sehe, dass es weltweit immer mehr in diese Richtung geht.

epd: Wo lebt diese Idee weiter?

Düren: Nachdem sich deutsche Banken und Konzerne zum großen Teil aus Desertec zurückgezogen haben, hat China den Platz teilweise eingenommen. Sie haben im Photovoltaik-Bereich die Weltführung übernommen und bauen große Stromnetze. Unter dem Namen Seidenstraße im Energiebereich erwägen sie, Stromnetze von der Wüste Gobi, wo hervorragende Solarstandorte sind, über Indien bis hin zur arabischen Halbinsel zu führen. Damit bekommen sie gleichzeitig Einfluss auf die Wirtschaft dieser Länder. In Europa mangelt es bisher an Möglichkeiten zum Ferntransport von grünem Strom. Hierzulande setzen wir etwa auf lokale Photovoltaik, weil die Anlagen so günstig geworden sind. Das alleine reicht aber nicht, weil in den langen Wintern und in den Nächten auch Strom da sein muss. Ein Import von Strom aus Wüstenkraftwerken mit Energiespeichern für die Nacht wäre sehr viel günstiger.

epd: Welche Rolle könnte grüner Wasserstoff dabei spielen?

Düren: Im Moment ist das die Stoßrichtung. Allerdings waren wir damals bei Desertec vom Wasserstoff-Transport abgekommen: Denn es geht mehr als die Hälfte der Energie verloren, weil erst aus Strom Wasserstoff erzeugt werden muss und dann wieder aus Wasserstoff Strom. Auch für den Transport durch eine Gaspipeline wird zusätzlich Energie verbraucht, denn Wasserstoff ist nicht so leicht zu transportieren wie Erdgas und benötigt spezielle Pumpen. Beim Schiffstransport gibt es Verluste, weil flüssiger Wasserstoff verdampft, wenn er sich erwärmt. Wird wiederum Solarstrom per Hochspannungsleitung transportiert, gehen nur drei bis zehn Prozent verloren. Allerdings setzen die Erzeuger von Wasserstoff insbesondere deshalb auf Schiffe, weil sie so flexibel in Regionen mit den jeweils besten Preisen auf dem Weltmarkt verkaufen können.

Buch Desertec and Beyond von Michael Düren: http://u.epd.de/2d9u

epd-Gespräch: Mey Dudin