Kein Grund zum Ekeln

Schaben aus dem Mittelmeerraum verbreiten sich auch in Deutschland
Mainz, München (epd)

Da krabbelt dieses hellbraune, merkwürdig bucklig aussehende Insekt über den Boden der Wohnung. Seine langen Fühler tasten mit flinken Bewegungen um sich. "Eine Schabe!", durchzuckt es dann viele Menschen - und es durchzuckt viele immer häufiger. Seit einiger Zeit treten in Süddeutschland neue Schabenarten auf, mitunter in großer Zahl.

Kein Grund zur Panik, beruhigt der Zoologe Carsten Renker vom Naturhistorischen Museum in Mainz. Nahezu alle Schaben, die besorgte Menschen zur Bestimmung zu ihm brächten, seien Tanger-Waldschaben. Das seien harmlose Zeitgenossen, die allerdings mit ihrer hellbraunen Färbung einem gefürchteten Schädling zum Verwechseln ähnlich sehen: der Deutschen Schabe, die Lebensmittel anfrisst. Neben der Tanger-Waldschabe ist hierzulande auch immer häufiger die Bernstein-Waldschabe zu finden. Auch sie ist harmlos, und auch sie sieht der Deutschen Schabe recht ähnlich.

Es gibt jedoch ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal: Die Deutsche Schabe trägt auf dem Halsschild zwei dunkle Streifen, die seinen harmlosen Verwandten fehlen. Die Waldschaben können überdies fliegen, die Deutsche Schabe nicht. Eine zweite Schädlingsart, die Orientalische Schabe - auch Kakerlake genannt - unterscheidet sich noch deutlicher von den drei hellbraunen Arten, denn ihre Färbung ist dunkel wie eine Kastanie.

Die Tanger-Waldschabe stammt aus dem westlichen Nordafrika und Spanien und wurde vor einigen Jahren wahrscheinlich von Menschen nach Deutschland eingeschleppt. Und sie fühlt sich hier wohl. Sie lebt nicht in Wohnungen, sondern draußen und ernährt sich vorwiegend von Pflanzenresten - im Gegensatz zur Deutschen oder der Orientalischen Schabe. Diese beiden Schädlingsarten leben in dunklen Ritzen und Ecken in menschlichen Behausungen und knabbern an Lebensmitteln. Sie werden deshalb auch "Küchenschaben" genannt.

Die Bernstein-Waldschabe kam bis vor einigen Jahren nur südlich der Alpen vor. Ob sie ihr Verbreitungsgebiet, unterstützt durch das wärmer werdende Klima, von selbst ausweitet, ist nach Worten des Münchener Schabenexperten Horst Bohn noch ungeklärt. "Bei beiden Schaben spielt sicher die Verbreitung durch den Menschen die Hauptrolle", sagt er. Aber die Erderwärmung käme dem Insekt mit Sicherheit entgegen: "Durch sie wird die Ausbreitung der wärmeliebenden Arten sicher gefördert."

"Diese neuen Schaben sind in Süddeutschland mittlerweile sehr viel häufiger als die heimischen Arten", sagt der Mainzer Zoologe Renker. Die Tanger-Waldschabe ist im Einzugsgebiet des Rheins häufig, während die Bernstein-Waldschabe östlich dieses Gebiets zu finden ist: vom südlichen Bayern bis ungefähr auf die Breite von Jena.

Im Hochsommer treten die sechsbeinigen Krabbler aus dem Mittelmeerraum anscheinend urplötzlich in großen Massen auf. Tatsächlich sieht es aber nur so aus, als seien sie auf einmal da. "Die gibt es das ganze Jahr über, aber man erkennt sie nicht", erklärt Renker. Sie seien nämlich noch im Larvenstadium. Im Sommer häuteten sie sich dann zum Vollinsekt.

Auch wenn die Neuankömmlinge keine Schädlinge seien, könnten sie doch lästig sein, erklärt Renker: "Sie stören, wenn sie in die Wohnungen kommen, weil sie vom Licht angezogen werden oder weil sie der Kälte entgehen wollen, wenn es auf den Herbst zugeht." Allerdings überleben sie dort nicht lange. In Wohnungen finden sie keine Nahrung. Außerdem ist die Luftfeuchtigkeit drinnen meist so niedrig, dass die Tiere austrocknen.

Besonders in Weinstöcken, so hat Renker beobachtet, fühlen sie sich wohl. Wein liebt Wärme ebenso wie die Schaben. "Wenn man sich ein paar Weinranken in eine Vase auf den Küchentisch stellt, dann hat man gute Chancen, dass da die einen oder anderen Kollegen rausgekrabbelt kommen", sagt er.

Im Herbst ist das Krabbeln aber bald vorbei. Wenn die Temperaturen draußen sinken, sterben die erwachsenen Tiere auch im Freiland. Vorher allerdings haben die Weibchen Eipakete in die Erde gelegt, aus denen im Frühjahr die Larven der nächsten Generation schlüpfen. Auch ältere Larven, die es im Sommer nicht zum Vollinsekt geschafft haben, überstehen die Winterkälte.

Den Ekel, den der Anblick von Schaben bei vielen Menschen hervorruft, hält Renker vor allem für psychologisch bedingt. "Sie tragen den Kopf unter ihrem Halsschild", sagt er, "sie scheinen uns dadurch nicht anzuschauen, und das wirkt auf uns befremdlich." Sicher könnten Deutsche Schabe und Kakerlake Krankheiten übertragen, aber eine große Rolle als Seuchenverbreiter spielten sie nicht. Der Schaden, den sie anrichteten, beschränke sich meist darauf, dass sie Lebensmittel unbrauchbar machten. Der Verband der Schädlingsbekämpfer weist allerdings darauf hin, dass sie beispielsweise Salmonellenerkrankungen übertragen können.

Während die unschädlichen Arten auch tagsüber unterwegs sind, kommen Deutsche Schabe und Kakerlake meist nur nachts heraus. Wenn Licht auf sie fällt, wetzten sie blitzschnell - viel schneller, als eine Waldschabe je könnte - in ihren Unterschlupf zurück.

Wer also einen Krabbler tagsüber in seiner Wohnung entdeckt, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Tanger- oder Bernstein-Waldschabe vor sich. Die könne man einfach mit einem Glas und einem Blatt Papier nach draußen befördern, empfiehlt Renker.

Unterscheidung von Deutscher Schabe und Waldschabe: http://u.epd.de/1kos

Deutscher Schädlingsbekämpferverband: http://u.epd.de/1kor.

Von Nils Sandrisser (epd)