Düstere Zeiten für die Zoos

Die Corona-Krise gefährdet den Fortbestand von Tiergärten und Artenschutz-Programmen
Mainz, Neuwied, Landau, Berlin (epd)

Der Hilferuf aus Neuwied schreckte in den ersten Tagen des neuen Jahres sogar die Landesregierung in Mainz auf. Ohne massive staatliche Hilfen muss der größte rheinland-pfälzische Zoo wohl schon im Februar Insolvenz anmelden. Aufgrund des wochenlangen Lockdowns im Frühjahr und erneut ab November klafft in der Kasse ein riesiges Loch. "Wir reden über rund 700.000 Euro Einnahmeverlust", rechnet Zoo-Direktor Mirko Thiel vor. Die Corona-Zuschüsse des Landes für Futter und Tierarztbesuche hätten sich im Gegenzug auf 32.000 Euro belaufen. "Wir sind dankbar für jeden Euro, aber das deckt unsere Kosten nicht."

Bei einer Krisen-Schaltkonferenz am 11. Januar will Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) mit dem gemeinnützigen Trägerverein, Stadt und Landkreis darüber beraten, wie eine Pleite abgewendet werden kann. Auch anderenorts in der Republik gehören Zoos und Tiergärten zu den großen Verlieren in der Coronavirus-Pandemie. Sie müssen irgendwie mit dem Wegfall fast aller Einnahmen klarkommen, während es keine Möglichkeit gibt, Kosten zu senken. Die Tiere müssen durchgehend versorgt und gefüttert werden. Personal-, Heiz- und Stromkosten fallen im selben Umfang an wie in gewöhnlichen Zeiten.

"Wir sind vorsichtig optimistisch, dass alle unsere Zoos das überstehen werden", sagt Sebastian Scholze vom Verband der Zoologischen Gärten mit Sitz in Berlin, der die rund 70 größten Zoos in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertritt. Ganz so dramatisch wie in Neuwied stelle sich die Situation bislang noch an keinem anderen Ort dar. Einige Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern hätten gute Landesprogramme aufgelegt: "Es gibt aber bislang keine Bundeshilfen, die speziell für Zoos greifen."

Derzeit herrscht keine Einigkeit unter Ländern, ob Zoos im zweiten Lockdown überhaupt geschlossen werden müssen. In Berlin und im Saarland, aber auch in Magdeburg blieben Besuche zunächst weiter erlaubt. Er habe nicht verstanden, warum Zoos schließen mussten, sagt auch Mirko Thiel: "Das ist wie ein Spaziergang an der frischen Luft." Mit einer Obergrenze bei den Besucherzahlen und vorgegebenen Einbahn-Wegen habe man in Neuwied für die nötigen Schutzmaßnahmen gesorgt. Nicht ein einziges Mal habe das Gesundheitsamt seit Ausbruch der Pandemie nach den gespeicherten Kontaktdaten von Besuchern nachgefragt.

Er hoffe nun, dass bei einer künftigen Lockerung der Maßnahmen Zoos zumindest zu den ersten gehören, die wieder öffnen dürfen. Die Sorgen kommunaler Zoos sind in der Krise nicht grundsätzlich anders, als im Trägerverein in Neuwied. "Die Leute denken oft, uns könne doch nichts passieren", sagt Jens-Ove Heckel, Zoodirektor im pfälzischen Landau. "Aber das ist nur die halbe Wahrheit." Zwar sei sein Zoo wie ein Amt der Stadtverwaltung organisiert, aber die städtischen Zuschüsse seien trotzdem gedeckelt und könnten in Zeiten knapper Haushalte nicht unbegrenzt erhöht werden.

Heckel fürchtet allerdings auch noch einen ganz anderen Aspekt der Corona-Krise. Zoologische Gärten dienten schließlich nicht nur als Freizeitattraktion, sondern spielten in vielen Fällen auch eine wichtige Rolle für den Artenschutz.

Für den Erfolg internationaler Zuchtprogramme sei es wichtig, dass regelmäßig Tiere untereinander ausgetauscht werden. Der Zoo Landau beteiligt sich beispielsweise an der Rettung der Weißscheitelmangabe, einer extrem seltenen westafrikanischen Affenart. "Eigentlich steht seit längerer Zeit der Transport eines Weibchens nach Ghana an", sagt der Zoo-Direktor. "Es ist aber ganz schwierig, noch bezahlbare Transportmöglichkeiten zu finden. Wir haben das jetzt schon zigmal verschoben."

Noch schlechter steht es um den vom Aussterben bedrohten philippinischen Prinz-Alfred-Hirsch. Ein Exemplar aus der Pfalz soll zu einem Partnerzoo nach Nord-England gebracht werden. In seinem Fall komme zu den Corona-Einschränkungen erschwerend noch das Durcheinander nach dem Brexit hinzu.

www.zooneuwied.de

www.vdz-zoos.org

Von Karsten Packeiser (epd)