Die Hoffnung nach dem Schock

Osthessisches Unternehmen bietet Krebstherapie für Pferde an

Hanna Helmlinger ist verzweifelt: Ihr zehnjähriger Wallach Sete hat einen Tumor am linken Augenlid, der ohne Behandlung sehr wahrscheinlich tödlich endet. Ihre Hoffnung auf Heilung setzt die 31-Jährige auf eine Strahlentherapie für Pferde.

Linsengericht, Wörrstadt (epd). Sete ist der beste Kumpel von Hanna Helmlinger. Die 31-jährige Erziehungswissenschaftlerin und angehende Hundetrainerin aus dem rheinhessischen Wörrstadt hat den Wallach vor zwei Jahren in Spanien gekauft, um auf seinem Rücken ein Stück Freiheit und Abenteuer zu erleben. Als er an weißem Hautkrebs erkrankt, einem sogenannten Plattenepithelkarzinom, sitzt der Schock tief.

„Mein Tierarzt hat mir zu einer Strahlenbehandlung geraten“, sagt Helmlinger im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die junge Frau überlegt nicht lange und begleitet Sete im Pferdetransporter zum Therapiezentrum „Equinox Healthcare“ ins osthessische Linsengericht, wo der weiße Wallach eine Box bezieht.

Mit der Lebenserwartung steigt auch bei Pferden das Risiko von Tumorerkrankungen. Am häufigsten ist das „Equine Sarkoid“, ein Hauttumor, der von Papillomaviren ausgelöst wird. Auch Plattenepithelkarzinome wie bei Sete kommen häufig vor. Der weiße Hautkrebs macht bei Pferden etwa jede vierte Tumorerkrankung aus.

Wenn eine Operation oder eine Chemo- oder Hormontherapie nicht angeschlagen haben, kommt eine Strahlentherapie infrage, erläutert der Equinox-Leiter Jan Kuntz. Im Falle von Sete verordnet er zehn Bestrahlungen des Tumors mit einem Elektronen-Linearbeschleuniger. Sie dauern jeweils weniger als eine Minute und sind wie bei Menschen „absolut schmerzlos“, wie der Tierarzt und Ingenieur für Medizintechnik versichert. Ein gewisses Risiko berge allenfalls die Narkose, die das Tier für etwa zehn bis 20 Minuten in einen Tiefschlaf versetzt.

Für die Bestrahlung eines Pferdes braucht es ein großes Team. „Mindestens ein Tierarzt oder eine Tierärztin und weitere sechs tiermedizinische Fachangestellte, Pflegende und Assistenten sind notwendig“, erzählt Kuntz. Vor der Bestrahlung wird das Tier im Stall untersucht und bekommt ein Beruhigungsmittel injiziert. Anschließend wird es zum Klinikgebäude geführt, wo im sogenannten Ablegestand die Narkose folgt. Schließlich tritt ein großer Kran in Aktion. Er hievt das Tier auf den Behandlungstisch, punktgenau vor den Linearbeschleuniger, und später in eine gepolsterte Aufwachbox.

Die Equinox Healthcare GmbH ist nach den Worten von Kuntz das „einzige Strahlentherapiezentrum in Europa, das auf Pferde spezialisiert ist“. Die rund 450 bis 600 Kilogramm schweren Patienten reisten aus ganz Festland-Europa an. Seit 2017 seien in dem Zentrum etwa 200 Pferde behandelt worden. „Die meisten von ihnen sind Familientiere und nicht im professionellen Einsatz“, sagt Kuntz.

Auch Sete ist in erster Linie guter Freund und Familienmitglied. Er hat die bisherigen Bestrahlungen zur Freude seiner Besitzerin Hanna Helmlinger „brav und entspannt“ überstanden, „so wie es seine Natur ist“. Dass sie ihren Wallach auch trotz der hohen Kosten von mehreren Tausend Euro in Linsengericht behandeln lässt, war für sie keine Frage, wie sie betont. „Wenn es möglich ist, muss man helfen.“ Nun hoffe sie, dass sie Sete bald wieder auf seiner Wiese in Wörrstadt begrüßen kann.

www.equinox.vet

Von Dieter Schneberger (epd)