Soziologe: Die Schwachen sind das Zentrum unserer Gesellschaft

Gießen (epd).

Die Corona-Pandemie zeigt nach Ansicht des Gießener Theologen und Soziologen Reimer Gronemeyer, wie die Gesellschaft mit den schwächeren Menschen umgeht. Der Lockdown habe für die Schwachen „Abschließung und Einschließung“ gebracht, sagte Gronemeyer in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Schwachen seien als erste auf die Listen gekommen, als es um die „Triage“ ging - also die Frage, wer bei knapp werdenden Intensivbetten noch behandelt werde. Sie hätten als erste gelitten und seien als erste gestorben.

„Die Coronakrise ist ein Trainingslager. Sie bereitet uns auf die Krisen vor, die mit der Klimakatastrophe auf uns einstürzen werden“, schreibt Gronemeyer in seinem aktuellen Buch „Die Schwachen zuerst - Lektionen aus dem Lockdown“. Doch biete die Pandemie auch die Möglichkeit, „die Welt auf den Kopf zu stellen und einen anderen Blick auf die Schwachen zu werfen“, sagte der evangelische Theologe dem epd. Man dürfe die schwachen Menschen nicht als Randerscheinung wahrnehmen, sondern als das „heimliche Zentrum einer Gesellschaft im radikalen Wandel“.

Bisher sei unser Umgang mit ihnen entweder geprägt von „unserem Helfersyndrom“ und der Frage: „Was können wir für sie tun?“ oder „wir gucken auf sie herab“. Doch jetzt, „auf den Trümmern der alten Gesellschaft“, lohne es sich, die Geschichte noch einmal neu zu betrachten: „Was erzählen uns die Schwachen?“ Es gehe auch um ein „Sich einlassen auf ihr Tempo“, entgegen der permanenten Hektik unserer Leistungsgesellschaft und unserem „Denken in Projekten“. Der Theologe forderte einen anderen Blick auf die Alten, Kranken, Armen, Übergewichtigen und Behinderten: „Dass Schwäche die Erlösung ist - das ist die Kernidee: Dass Schwäche im Zentrum eines gedeihlichen Lebens steht.“

Bisher sei die Geschichte immer als Heldengeschichte von Männern geschrieben worden: In Felle gekleidete Jäger erlegten das Mammut und ernährten so die Familie. „Aber vielleicht war es ganz anders?“, fragt Gronemeyer in seinem Buch. Die verstorbene kalifornische Autorin Ursula K. Le Guin habe die Heldenerzählung durch eine andere Geschichte ersetzt: Danach gehe die paläolithische Frau, die allein mit ihrem hungrigen Baby in der Höhle sitzt, hinaus in die Dunkelheit, um ein paar Beeren zu suchen. Irgendwann flicht sie aus ein paar Stängeln eine Tragetasche, um für die nächste Nacht Vorräte zu haben.

Le Guin vermute, dass „die Kulturgeschichte bei den Schwachen beginnt und nicht bei den Helden, nicht bei den Starken“, schreibt Gronemeyer. Vielleicht erlebten wir jetzt den Beginn einer „neuen sanften schöpfungszugeneigten Zeit, in der die Schwachen zu unseren Wegbereitern gehören“, sagte der emeritierte Professor für Soziologie an der Universität Gießen.

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epd-Gespräch: Stefanie Walter