Pflegeexperten fordern "Kultur der Anerkennung"

Frankfurt a.M. (epd)

Experten aus Wissenschaft und Pflege haben angesichts des Pflegenotstands zu einer "Kultur der Anerkennung" aufgerufen. Auszubildende müssten sich ständig für die Wahl ihres Berufes rechtfertigen, sagte der Gesundheitswissenschaftler Klaus Müller am 13. April in Frankfurt am Main. Etwa in Talkshows werde permanent negativ über die Pflege gesprochen. Auch in den Einrichtungen selbst herrsche keine Erfolgskultur, berichtete der Krankenpfleger und Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS) in der Evangelischen Akademie Frankfurt. Pflege werde oft als selbstverständlich hingenommen, sagte die stellvertretende Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Ulrike Scherf.

Die Pflegewissenschaftlerin an der Hochschule Ludwigshafen am Rhein, Karin Kersting, machte zudem deutlich, wie sehr Pflegende in ihrem Berufsalltag unter dem Widerspruch zwischen Ökonomisierung und Fürsorge leiden. In den sogenannten Cool-out-Studien erforscht die Krankenschwester, wie Pflegende Strategien entwickeln, um diesem Druck standzuhalten. Es sei wichtig, über solche Bewältigungsstrategien bereits in der Ausbildung von Pflegekräften aufzuklären. Die Leitbilder der Krankenhäuser in Hochglanzbroschüren und auf den Internetseiten hätten nicht viel mit der Realität zu tun, sagte die Lehrerin für Pflegeberufe. Die Erziehungswissenschaftlerin ermutigte Pflegekräfte und pflegende Angehörige, sich etwa in Bündnissen zusammenzuschließen und Kritik laut zu äußern.

Die Experten betonten, dass die Kommunen gestärkt und die Zivilgesellschaft gefördert werden müssten. Zentrale Lösungen seien nicht zielführend, sagte der Pädagoge und Diakon Jens-Peter Kruse. Eine große Chance sieht er für Gemeinden. Die Kirche verfüge über Räumlichkeiten, der Zugang zur Gemeinde sei niederschwellig, sagte Kruse. In Zusammenarbeit mit Nachbarschaft, Vereinen, Verbänden und Initiativen könnten dort "sorgende Gemeinschaften" entstehen. Diese könnten die professionelle Pflege allerdings nicht vollständig ersetzen.

Als gute Beispiele nannte der Vorsitzende der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Altenarbeit die Projekte "DRIN" der EKHN und das bundesweite ökumenische Kooperationsprojekt "Kirche findet Stadt". Außerdem lobte er das Beratungs- und Vernetzungsangebot "Gemeindeschwester Plus" der rheinland-pfälzischen Landesregierung.

Im Rahmen der Kampagne "Pflege tut Gut(es") waren erstmalig Wissenschaftler, Pflegende und Angehörige zusammengekommen, um über die Zukunft der Pflege zu diskutieren. Veranstalter des Studientages waren die Diakonie Hessen, die EKHN, die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck, die Frankfurt University of Applied Sciences sowie die Evangelische Hochschule Darmstadt. Mit der Kampagne möchten die Diakonie Hessen und ihre beiden Kirchen nach eigenen Angaben den Mitarbeitenden in der Pflege und den pflegenden Angehörigen ihren Dank aussprechen. Die Hauptveranstaltung ist ein zentraler Gottesdienst am internationalen Tag der Pflege am 12. Mai in Bad Nauheim.

Internet: www.diakonie-hessen.de