Obdachlos und glücklich

Er ist eine Ausnahmeerscheinung unter Obdachlosen: John Hall hat in jungen Jahren den Entschluss gefasst, sein Leben lang unterwegs zu sein. Der Engländer hat herausgefunden, wie das ohne Geld funktioniert und wie er andere glücklich macht.

Frankfurt a.M. (epd). „Nein, ich bin nicht obdachlos“, betont John Hall. Der 56-jährige Engländer übernachtet und isst derzeit im Diakoniezentrum für Wohnungslose „Weser 5“ im Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main. „Ich habe immer mein Heim bei mir, das Zelt“, erklärt der Vollbärtige. Nur wegen der Temperaturen unter dem Gefrierpunkt schlafe er derzeit in der Notunterkunft.

Hall, ordentlich gekleidet im dunkelblauen Outdoor-Anorak, Jeans und Wollmütze, nennt sich einen „traveller“, einen Reisenden. Diesen „Beruf“ habe er sich selbst gewählt, sagt er. Er kann sich noch genau an den Tag seines Entschlusses erinnern: Es war der 23. Juni 1980, als er mit 15 Jahren an einer Pommes-Frites-Bude in seiner Heimatstadt Hull stand und Besucher vom Stonehenge-Free-Festival schwärmen hörte. „Da waren Motorradfahrer, da waren Hippies, da waren Leute unterwegs zusammen - da nahm ich mir vor, auch überall hin zu reisen.“

Mit 18 Jahren begann er, den Entschluss in die Tat umzusetzen. Er reiste zuerst durch Großbritannien, mit 25 Jahren verließ er die Insel. Seither ist Hall durch viele Länder Europas, Amerikas, Asiens und Afrikas gewandert und getrampt, wie er erzählt. „Ich bin süchtig nach Reisen.“ Eine Ausbildung hat er nicht gemacht. „Ich mag keine Hierarchien, ich mag keine Macht“, sagt er. „Ich will unabhängig sein.“ Gelegentlich verdient er sich Geld als Arbeiter.

Seine Lebensweisheit lautet: „Gib den Leuten eine Gelegenheit, dir zu helfen, und sie werden dir helfen.“ So stärke er die positiven Kräfte. Denn beim Helfen würden der Nehmende und der Gebende glücklich. Seine Erfahrung: 90 Prozent der Angesprochenen gingen auf den Wanderer ein und fragten ihn, was er brauche. Hall ist ein redseliger, gemütlich wirkender Typ. So fällt es ihm leicht, Leute anzusprechen.

Er gibt ein Beispiel seiner Lebensweisheit: Einen Hausbesitzer mit Garten habe er gefragt, ob er in einer Ecke des Gartens sein Zelt für die Nacht aufschlagen dürfe. Als der bejaht habe, habe er begonnen, aus freien Stücken die Gartenwege zu fegen. Daraufhin habe der Hausbesitzer ihn gefragt, was er denn noch brauchen könne. So sei er mit ihm ins Gespräch gekommen. Er habe bekommen, was er brauchte, und beide seien glücklich gewesen.

„Nutze alle Ressourcen, die es gibt“, ist eine weitere Lebensweisheit des Reisenden. „Überall gibt es christliche Gruppen und Kirchen, die Obdachlosen helfen wollen.“ Er sei nicht religiös, aber er habe erfahren, dass er auf die Hilfe von Christen bauen könne. Mit Flaschen- und Dosensammeln verdiene er sich ein paar Euro dazu.

Schlecht ergangen ist es Hall in seinem langen Wanderleben bisher nicht, wenn man seiner Erzählung glauben mag. Nur einmal in Frankreich habe ein Freund neben ihm Schrotkugeln abgekriegt - wahrscheinlich habe ein Jäger sie hinter dem Gebüsch nicht gesehen.

In Frankfurt ist er nicht zum ersten Mal - er mag die Stadt, er liebt den Main, wie er sagt. Hall fürchtet nur eines: Dass der Klub der Milliardäre der Welt ihren Willen aufzwingt. Deshalb war er zu Beginn der Occupy-Proteste gegen die Banken vor zehn Jahren schon einmal in Frankfurt gewesen. So sei er auch zum Marsch der „Empörten“ von Spanien nach Brüssel 2011 dazugestoßen oder bei Protesten gegen das Öl-Fracking dabei gewesen. Wenn er unterwegs Menschen von dem Ziel der Proteste erzählte, habe er immer Hilfe und Unterstützung erfahren, schwärmt er.

„Die schönste Sache in meinem Leben ist, wenn sich zum ersten Mal vor meinen Augen das Panorama einer neuen Stadt oder einer neuen Landschaft öffnet“, sagt Hall. „Ich will immer etwas Neues sehen, ich will alles sehen!“

„Es ist eine große Ausnahme, wenn jemand das Leben auf der Straße selbst wählt“, sagt der Leiter des Frankfurter Diakoniezentrums für Wohnungslose „Weser 5“, Jürgen Mühlfeld. Manche Obdachlosen sagten das, weil es ihre Überlebensstrategie sei, mit dieser Erklärung es auf der Straße auszuhalten. „Keiner wählt dieses Leben in der Regel freiwillig.“ Meist würden Menschen arbeitslos, hätten Schulden, seien suchtabhängig, krank, so dass sie ihre Wohnung verlören oder vor einem Problemberg einfach weggingen. „Wer auf der Straße lebt, ist ganz unten auf der sozialen Leiter.“ Der Weg zurück in ein ortsgebundenes, geregeltes Leben sei schwierig.

Das Diakoniezentrum will mit seinen differenzierten Angeboten genau diesen Weg zurück freimachen. Von den Sozialarbeitern, die Obdachlose auf der Straße ansprechen, über den Tagestreff, die Versorgung dort mit Essen, Kleidung und Duschen, die Notübernachtung, das Übergangswohnheim und die Beratungsstelle: So werden Auswege möglich für die, die es wollen. Bei 36 belegten Einzelzimmern im Wohnheim und acht belegten Plätzen in der kurzfristigen Notübernachtung sei es 2021 gelungen, 15 bis 20 Personen in Wohnungen zu bringen. „Eine hohe Vermittlungsquote“, sagt Mühlfeld stolz.

www.weser5.de

Von Jens Bayer-Gimm (epd)