Mediziner: Mehr Jugendliche in Rheinland-Pfalz psychisch krank

Mainz, Klingenmünster (epd).

In Rheinland-Pfalz sind nach Aussage von Medizinern während der Corona-Pandemie mehr Kinder und Jugendliche psychisch erkrankt. Am Pfalzklinikum seien ab dem Lockdown deutlich mehr junge Patienten mit Depressionen und Ängsten eingeliefert worden, sagte der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Günther Stratmann, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Fälle mit Essstörungen und suizidalen Krisen hätten an den Standorten in Speyer, Kaiserslautern, Pirmasens und Klingenmünster sogar rund um die Hälfte zugenommen.

Der Wegfall des sozialen Lebens in Schule, Musik- und Sportvereinen oder an öffentlichen Treffpunkten habe die Jugend härter getroffen als Ältere, erklärte Stratmann. „Ich weiß nicht, ob die Defizite aufholbar sind, wenn zwei Schul- und Uni-Jahre verloren sind“, sagte der Chefarzt. Auch der Mangel an Bewegung habe die Gesundheit beeinträchtigt. Schulen und Kindertagesstätten müssten in Zukunft offen bleiben und Unterrichtsdefizite ohne Leistungsdruck aufgeholt werden, forderte er.

„Wir wurden alle über das Ausmaß der psychischen Folgen der Coronakrise für Kinder und Jugendliche, den Umfang und die Symptomausprägungen überrascht“, sagte der Mediziner und Psychologe Michael Huss dem epd. Der Ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsmedizin Mainz sowie des Landeskrankenhauses Rheinhessen-Fachklinik Alzey und Mainz registrierte an seinen Kliniken schon im ersten Lockdown 2020 eine Zunahme der jungen Patienten um rund ein Fünftel. Dies betreffe vor allem Angsterkrankungen und Depressionen, Essstörungen und Selbstverletzungen, insbesondere bei Mädchen.

Für manche belasteten Jugendlichen habe die Pandemie aber auch zunächst positive Folgen gehabt, ergänzte Huss. Kinder und Jugendliche mit sozialer Phobie, etwa der Angst, vor einer Gruppe zu reden, oder aus dem Autismus-Spektrum hätten sich durch den Lockdown entlastet gefühlt. Der digitale Unterricht sei für sie ein Lernen ohne Stress gewesen. Auch habe es bei einigen somatischen wie psychischen Erkrankungen vorübergehend weniger Einweisungen in Kliniken gegeben. „Insgesamt steigen aber die Patientenzahlen mit Verhaltensproblemen bis heute weiter an.“

Die psychiatrischen Kliniken hätten jetzt fast nur noch Schwerstbetroffene, berichtete Huss. Die Kapazitäten seien ständig an der Belastungsgrenze. Paradoxerweise müssten Kliniken einzelne Stationen schließen, so wie derzeit eine in Mainz, weil das Pflegepersonal fehle. Die Patienten würden dann auf andere Stationen verteilt. Der Direktor kritisierte das von der Bundesregierung vorgeschriebene „starre Personalbemessungsverfahren“, das einen bestimmten Personalschlüssel fordert. Die Vergütung einer Klinik werde nun auch an dessen Erfüllung geknüpft.

Die gut gemeinte Vorschrift schade in der Praxis den Krankenhäusern: „Wenn der Ergotherapeut sich morgens krankmeldet, dann kann die Klinik den Tag nicht entsprechend abrechnen“, erklärte Huss. „Der wirtschaftliche Betrieb ist fast nicht mehr steuerbar.“ Die Krankenhäuser richteten jetzt alles Augenmerk auf das Gewinnen von Personal. „Früher gab es Auswahlverfahren, heute sind wir froh, wenn nur jemand da ist.“ Das Vergütungssystem müsse gerade in Zeiten einer Pandemie an den realen Belastungen und der Verfügbarkeit von Personal ausgerichtet werden, nicht an abstrakten Bemessungsgrenzen, forderte Huss.