Experte: Alkoholismus ist schwere Familienerkrankung

Marburg (epd)

Für den Suchtexperten Markus Schimmelpfennig ist Alkoholismus eine "schwere, chronische Familienerkrankung". Die Alkoholkrankheit des Vaters oder der Mutter wirke sich auch auf das Leben und die Gesundheit der Kinder und Enkel aus, sagte der Medizinaldirektor und stellvertretende Leiter des Gesundheitsamtes Region Kassel am 6. November in Marburg. Die Kinder litten unter Angst, Apathie, Schlafstörungen, Depressionen, pathologischen Scham- und Schuldgefühlen und seien oftmals suizidgefährdet. Oftmals gäben sie sich auch die Schuld an der Alkoholsucht der Eltern.

Schimmelpfennig sprach bei einer Veranstaltung der Marburger Gruppe der Anonymen Alkoholiker, die vor 40 Jahren gegründet worden war. Der Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen und Krankenhaushygiene wies Angehörigen aber auch "Wege aus der Verzweiflung". Sie müssten lernen, die Sucht als Krankheit zu akzeptieren und zu erkennen, dass man sie weder kontrollieren noch heilen kann. Vermeiden müssten Angehörige die vier "M": "Mothering" (das Bemuttern), die Manipulation des Betroffenen, das Managen der Sucht, damit es andere nicht merken, sowie die Haltung, sich als Märtyrer zu empfinden ("Andere wären schön längst abgehauen!").

Die Leitende Psychologin der Median-Klinik Wied im Westerwald, Wilma Funke, hob die Bedeutung der Zusammenarbeit von Suchtkliniken und Selbsthilfegruppen hervor. Die professionellen Behandler in den Kliniken hätten großes Interesse daran, dass die Alkoholkranken nach ihrer Entgiftung eine solche Gruppe aufsuchen. Es sei erwiesen, dass der regelmäßige Besuch von Selbsthilfegruppen eine höhere Abstinenzquote zur Folge habe. Die Gruppen seien deswegen so erfolgreich, weil sich die Teilnehmer auf Augenhöhe miteinander austauschen könnten und es Vertrautheit, Verschwiegenheit und Freundschaft gebe, sagte Funke. Außerdem liege die Verantwortung beim Einzelnen.

Der Marburger Psychiater und Neurologe Ulrich Schu ergänzte, dass von zehn Alkoholikern, die heute in einer Suchtklinik behandelt werden, zwei bis drei nicht mehr rückfällig werden. Früher sei es nur ein einziger gewesen. Insgesamt würden zehn Prozent der rund sechs bis acht Millionen Menschen in Deutschland erreicht, die von Alkoholsucht betroffen seien - als Kranke und Angehörige.

Die Anonymen Alkoholiker sind eine Selbsthilfegemeinschaft von Alkoholabhängigen mit Gruppen in zahlreichen Städten. Durch regelmäßige Treffen und Gesprächsrunden wollen sie ihre Sucht in den Griff bekommen. Dabei sprechen sei sich nur mit ihren Vornamen an. Der ständige Kontakt mit genesenden Alkoholikern könne helfen, den Zwang zum Trinken zu durchbrechen, so die Idee.

Um dauerhaft nüchtern zu bleiben, empfehlen die Anonymen Alkoholiker außerdem zwölf Schritte für ein zufriedeneres Leben. Dazu gehöre die Erkenntnis, als Alkoholiker Hilfe zu brauchen, ebenso wie das Vertrauen in einen Gott, heißt es in den Grundsätzen der Selbsthilfe-Organisation. Sie steht allen Glaubensrichtungen offen und ist nach eigenen Angaben weder mit einer Kirche noch mit einer anderen Organisation verbunden.

Gegründet wurden die Anonymen Alkoholiker 1935 im US-Bundesstaat Ohio. In Deutschland sind seit 1953 rund 2.500 Gruppen entstanden. In Marburg werden die Treffen nach eigenen Angaben von 30 bis 40 Personen besucht. Weltweit gibt es bis zu 130.000 Gruppen in rund 180 Ländern. Finanziert wird die Organisation durch Spenden der Mitglieder.

Internet: www.anonyme-alkoholiker.de