"Armut und Gesundheit": Obdachlose bei NS-Gedenken nicht vergessen

Mainz (epd)

Der Verein "Armut und Gesundheit" hat dazu aufgerufen, beim Gedenken an die Opfer des NS-Terrors die Opfergruppe der Wohnungslosen stärker in den Fokus zu rücken. Als vermeintlich "Asoziale" seien arme Menschen von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager gebracht und dort vielfach ermordet worden, sagte der Vereinsvorsitzende Gerhard Trabert am 24. Januar in Mainz. Verwaltungen und Wohlfahrtsverbände hätten damals das Vorgehen gebilligt, weil sie dadurch Kosten sparen konnten. Mediziner hätten Zwangssterilisationen mit der falschen Begründung vorgenommen, Obdachlosigkeit sei erblich bedingt und eine "Form von Schwachsinn".

Mit dem Ende der NS-Herrschaft sei das Unrecht gegen wohnungslose Personen nicht beendet gewesen. So sei die Gruppe der Obdachlosen nie wirklich für die Zeit der KZ-Haft entschädigt worden, und Sozialrassismus sei bis heute weit verbreitet. Statt gegen soziale Ungerechtigkeit vorzugehen, würden bis heute Vorbehalte gegen arme Menschen geschürt oder benachteiligte Gruppen gegeneinander ausgespielt. "Gewalt des rechten politischen Flügels gegen diese Menschen hat Tradition und findet immer noch statt", warnte Trabert.

Auch die von "Armut und Gesundheit" betriebene Mainzer Ambulanz für Menschen ohne Krankenversicherung habe schon Patienten behandelt, die mit einem Baseballschläger überfallen oder mit Benzin übergossen worden seien. Ebenso seien bereits Zelte von Patienten mit Steinen beworfen worden. Vermutlich gebe es bei den mehr als 200 seit 1989 in Deutschland getöteten Wohnungslosen einen hohen Anteil rechtsextremistisch motivierter Fälle.

Auch das besonders rigide Vorgehen der Behörden einiger mittelosteuropäischer Staaten gegen Menschen, die auf der Straße leben, habe mittlerweile Auswirkungen bis nach Deutschland. So habe die Zahl der Obdachlosen aus Ungarn in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen, sagte der Mainzer Arzt, der sich seit vielen Jahren für die medizinische Versorgung von Wohnungslosen engagiert.

Den Behörden der Stadt Mainz hielt Trabert zugute, dass sie obdachlosen Menschen "relativ viel" Hilfestellung biete. Allerdings habe es auch in der Landeshauptstadt schon inakzeptable Maßnahmen gegeben, etwa den nach kurzer Zeit abgebrochenen Versuch, Obdachlose durch Beschallung mit klassischer Musik von ihren Aufenthaltsplätzen am Hauptbahnhof zu vertreiben. Außerdem spüre er bei den Verantwortlichen ständig die Angst, zu viele Hilfsangebote könnten eine "Sogwirkung" mit sich bringen. "Das halte ich nicht für ein ethisch akzeptables Argument", sagte er.