Zentralrat der Muslime: Muezzinruf in erster hessischer Kommune

Raunheim (epd).

Der öffentliche Ruf zum muslimischen Freitagsgebet ist künftig auch im Rhein-Main-Gebiet zu hören. Nachdem die Stadt Köln vor wenigen Wochen Moscheegemeinden den Muezzinruf per Lautsprecher erlaubt hat, folgt auch Raunheim (Kreis Groß-Gerau) diesem Beispiel. Die Stadt am Frankfurter Flughafen sei damit die erste Kommune in Hessen, sagte der Landesvorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Said Barkan, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Stadtverordnetenversammlung hatte den beiden lokalen Moscheegemeinden vergangene Woche die Erlaubnis zum öffentlichen Muezzinruf per Lautsprecher erteilt.

Der Verein Marokkanischer Freundeskreis und der Türkische Bildungs- und Kulturverein hatten dies zuvor beantragt. Bisher hätten Moscheegemeinden sich damit zurückgehalten, weil sie ihr von der Verfassung garantiertes Recht nicht kennen würden oder keinen Anstoß geben und zur Zielscheibe rechtsradikaler Gewalt werden wollten, erklärte Barkan. Der Zentralrat der Muslime überlasse es den einzelnen Gemeinden vor Ort, sich für oder gegen einen öffentlichen Gebetsruf zu entscheiden, sagte der Rechtsanwalt.

Die Raunheimer Moscheevereine dürfen gemäß ihres Antrags jeden Freitag den rituellen Ruf zum Mittagsgebet bis zu vier Minuten lang erklingen lassen, während des Fastenmonats Ramadan täglich vor Beginn des Abendgebets. Damit wird der öffentliche Muezzinruf in Raunheim zu einer Dauereinrichtung. Die Moscheegemeinden hatten ihn zunächst zu Beginn der Covid-19-Pandemie, als das gemeinschaftliche Freitagsgebet im ersten Lockdown untersagt war, genehmigt bekommen. Anders als Köln hat die hessische Kommune die jüngste Erlaubnis nicht auf zwei Jahre befristet.

„Die Zustimmung zu diesem Antrag erfolgte über alle Parteigrenzen hinweg“, sagte Bürgermeister Thomas Jühe (SPD) dem epd. Wenn eine Gemeinde wie Raunheim nahe des Frankfurter Flughafens ähnlich viele muslimische wie christliche Bewohner habe, dürften Muslime mit derselben Selbstverständlichkeit akustisch zum Gebet rufen wie Christen mit ihren Glocken. Zu den 17.000 Raunheimer Einwohnern gehörten Bürger aus 120 Nationen, die auch Raum für ihre vielfältige Religiosität bekommen sollten.

Die beiden Antragsteller seien Moscheegemeinden, die aktiv auf vielfältige Weise in der Stadtgesellschaft mitwirkten, erläuterte der Bürgermeister. So beteiligten sie sich an der Vergabe von Terminen für Corona-Schutzimpfungen und an Blutspenden oder führten einen Dialog mit christlichen Kirchengemeinden und Buddhisten im Ort. Eigentlich sei zur Genehmigung nur ein Magistratsbeschluss nötig gewesen, sagte Jühe: „Aber wir wollten bewusst, dass das Stadtparlament den Beschluss fasst und damit die Stadtgesellschaft Anteil nimmt.“

Die Geste der Raunheimer Stadtverordnetenversammlung sei begrüßenswert, sofern sie den Zusammenhalt und die Vielfalt der Stadtgesellschaft hervorhebe, sagte Barkan. Allerdings sei ein solcher Genehmigungsbeschluss nicht notwendig. Die Verfassung gestatte es Religionsgemeinschaften, ihr Leben in Eigenverantwortung zu gestalten, solange sie die Lärmschutz-Richtlinien einhielten. Auch andere Religionsgemeinschaften als die Kirchen sollten dieses Recht selbstverständlich wahrnehmen können, wenn sie wollten. Es sei aber ratsam, dass Moscheegemeinden sich mit Nachbarn und den politischen Entscheidungsträgern absprächen.

Beschlussvorlage und Begleitdokumente Stadt Raunheim: http://u.epd.de/20l6