Ungewissheit erschwert Integration junger afghanischer Flüchtlinge

Berlin, Frankfurt a.M. (epd).

Sie sorgen sich - um ihre Familie, Freunde, Bekannte und auch um ihre eigene Zukunft. „Auf jungen afghanischen Geflüchteten liegt mit Blick auf die jüngsten Ereignisse eine echte Doppelbelastung“, sagte Helen Sundermeyer vom Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF) dem Evangelischen Pressedienst (epd). Ihre Heimat, in der die Taliban Mitte August die Herrschaft übernommen haben, befinde sich im Ausnahmezustand. Das hinterlasse tiefe Spuren.

Viele Menschen fürchteten dort um ihr Leben, versuchten zu fliehen. Unter ihnen seien auch Angehörige von bereits in Deutschland lebenden Minderjährigen - der Kontakt nach Afghanistan gestalte sich jedoch oft schwierig, erzählt Sundermeyer. Ein Gefühl der Hilflosigkeit entstehe.

„Oft versuchen die Jugendlichen Tag und Nacht auf dem neuesten Stand zur Lage in Afghanistan zu bleiben - beispielsweise schauen sie oft You-Tube-Videos, um etwas zu erfahren“, berichtet Sundermeyer aus ihrem Alltag mit jungen Geflüchteten. Direkt mit den Jugendlichen über ihre Gefühle und Sorgen zu sprechen, versetze sie in vergangene Momente der Angst zurück, so Sundermeyer. Dies könne zu einer Retraumatisierung der Betroffenen führen. „Dieser Zustand der Ungewissheit ist momentan für viele schwer auszuhalten.“ Das habe auch Auswirkungen auf ihre Integration. Die Jugendlichen können Sundermeyer zufolge nur schwer den Anforderungen etwa der Schule oder des Ausbildungsbetriebes gerecht werden.

„Stress mit der Schule, Stress mit dem Arbeitsamt, Stress mit der Familie - das ist echt schwer“, beschreibt Mohammed Jouni die Lage der Betroffenen. Er selbst kam als Minderjähriger aus dem Libanon nach Deutschland, ist heute Sozialarbeiter am Berliner Beratungs- und Betreuungszentrum für junge Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten (BBZ).

Um auf ihre Lage aufmerksam zu machen, versammelten sich rund 80 afghanische Familien zwischen dem 20. und 24. September bei einer Protestaktion vor dem Auswärtigen Amt in Berlin. Auch Jouni und weitere Kolleginnen und Kollegen waren vor Ort, um Hilfesuchende zu beraten. „Seit Wochen kommen hier immer wieder Menschen unter Tränen her, klammern sich an jeden Strohhalm der Hoffnung“, beschreibt der Sozialarbeiter die Situation. Täglich habe Jouni dort mit Menschen gesprochen, „die oft selbst nicht so richtig wissen, was sie hier wollen“.

Unter den Afghaninnen und Afghanen vor dem Auswärtigen Amt waren Jouni zufolge auch minderjährige unbegleitete Geflüchtete. „Sie sprechen die deutsche Sprache oft besser als andere, schon etwas ältere Geflüchtete. Also helfen sie beim Verfassen von Briefen oder Anträgen“, berichtete er. Auch das Warten auf einen neuen Lagebericht für Afghanistan des Auswärtigen Amtes erschwere ihre momentane Situation. Entscheidungen in Asylverfahren ließen derzeit auf sich warten, die Jugendlichen versetze das in eine „schwierige Warteposition“, sagt Sundermeyer. „Sie wollen ja irgendwann mal hier ankommen, das geht aber nicht, wenn man nicht weiß, ob man überhaupt bleiben darf.“

Junge Geflüchtete aus Afghanistan brauchen Sundermeyer und Jouni zufolge besondere Betreuung - dem stimmt auch die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Bettina Stein vom Frankfurter Arbeitskreis Trauma und Exil zu. Jedoch sei die Situation der Ungewissheit nicht unbedingt neu für die Jugendlichen. „Die Betroffenen schweben während der Dauer ihres Asylverfahrens oft jahrelang in einem Zustand, in dem immer wieder neue Probleme auftauchen“, sagt Stein. Jede schlechte Nachricht führe sinnbildlich dazu, dass Wunden wieder aufgerissen werden. „Das macht eine Heilung nur schwer möglich“, erklärt Stein.

Ende 2020 lebten nach Angaben des Mediendienstes Integration rund 8.800 unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Deutschland. Von allen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die seit 2015 in Deutschland einen Asylantrag gestellt haben, kam nach Angaben des BumF ein Drittel aus Afghanistan.

Frankfurter Arbeitskreis Trauma und Exil (FATRA): http://u.epd.de/1yy5

Von Inga Jahn (epd)