"Klimaterroristen" ist Unwort des Jahres 2022

Die Klimakrise, der Ukrainekrieg und der Migrationsdiskurs haben die Suche nach dem Unwort des Jahres 2022 dominiert. Mit dem auf Platz 1 gesetzten Ausdruck „Klimaterroristen“ würden Aktivisten diffamiert und kriminalisiert, rügt die Jury.

Marburg (epd). Das Unwort des Jahres 2022 lautet „Klimaterroristen“. Mit dem Ausdruck würden Klimaaktivistinnen und -aktivisten mit Terroristen gleichgesetzt. Das kriminalisiere und diffamiere sie, kritisierte die Sprecherin der sprachkritischen Aktion, Constanze Spieß, am 10. Januar in Marburg. Auf den Plätzen zwei und drei landeten die Begriffe „Sozialtourismus“ und „defensive Architektur“.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) bezeichnete die Kür des Begriffs „Klimaterroristen“ zum Unwort des Jahres als „sehr gute und kluge Wahl“. „Ein solcher Begriff sollte in einer zivilisierten, demokratischen Debatte nichts zu suchen haben“, sagte die Grünen-Politikerin. „Auch wenn ich einige Aktions- und Protestformen von Klimaschutz-Engagierten sehr kritisch sehe und klar ablehne, so ist jeglicher Vergleich mit Terrorismus nun wirklich absolut fehl am Platz“, erklärte Roth in Berlin. Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) erklärte: „Ich finde den Ausdruck völlig unangemessen und rate, solche Ausdrücke nicht zu verwenden.“

Insgesamt waren 1.476 Einsendungen mit 497 verschiedenen Ausdrücken eingegangen. 55 von ihnen entsprachen den Unwort-Kriterien. Unter den häufigsten Einsendungen waren „Sozialtourismus“ (71), „Sondervermögen“ (54), „(Doppel-)Wumms“ (52), „Klima-RAF“ (34) und „Klimaterrorist(en)“ (32).

Die Aktion Unwort des Jahres rügt Wörter und Formulierungen, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, gesellschaftliche Gruppen diskriminieren, stigmatisieren und diffamieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind.

Der auf Platz 1 gesetzte Begriff „Klimaterroristen“ diene der Diskreditierung von Menschen, die sich gegen die Erderhitzung engagierten, hob Spieß hervor. Durch die Gleichsetzung ihres Protests mit Terrorismus würden gewaltlose Protestformen zivilen Ungehorsams und demokratischen Widerstands in den Kontext von Gewalt und Staatsfeindlichkeit gestellt. Der Ausdruck reihe sich in ein Netz weiterer Unwörter wie „Ökoterrorismus“ oder „Klima-RAF“ ein.

Der Ausdruck „Sozialtourismus“ war bereits 2013 Unwort des Jahres. Weil der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz ihn 2022 im Zusammenhang mit Ukraine-Flüchtlingen wieder verwendet habe, um „gezielt Stimmung zu machen gegen unerwünschte Zuwanderung“, habe ihn die Jury auf Platz 2 gesetzt. Sie sehe in diesem Wortgebrauch eine Diskriminierung derjenigen Menschen, die vor dem Krieg auf der Flucht seien und in Deutschland Schutz suchten.

Bei dem auf Platz drei gesetzten Ausdruck „defensive Architektur“ handelt es sich laut Jury um eine militaristische Metapher. Sie bezeichne eine Bauweise, die gezielt marginalisierte Gruppen wie wohnungslose Menschen aus dem öffentlichen Raum verbannen möchte.

Das persönliche Unwort des Gastjurors Peter Wittkamp lautet „militärische Spezialoperation“. Der Ausdruck sei eine zutiefst euphemistische Bezeichnung für einen aggressiven kriegerischen Akt, kritisierte der Autor und Werbetexter. Er sei nichts anderes als Propaganda des Kreml.

Im vergangenen Jahr hatte die Jury mit „Pushback“ einen Begriff aus dem Migrations-Diskurs gewählt. 2020 gab es mit „Corona-Diktatur“ und „Rückführungspatenschaften“ erstmals ein Unwortpaar. Die Unwörter der Vorjahre lauteten „Klimahysterie“ (2019), „Anti-Abschiebe-Industrie“ (2018) und „alternative Fakten“ (2017). Vor einem Monat hatte die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden „Zeitenwende“ zum Wort des Jahres 2022 gekürt.

https://www.unwortdesjahres.net/