"Nicht der Homosexuelle ist pervers"
Zum 80. Geburtstag des Filmemachers Rosa von Praunheim

„Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“: Mit diesem Film wurde Rosa von Praunheim 1971 bekannt. Der Filmemacher, Provokateur und Aktivist steht bis heute für schwules Selbstbewusstsein.

Frankfurt a. M. (epd). Seinen Künstlernamen Praunheim gab er sich nach jenem Stadtteil von Frankfurt, in dem er aufwuchs. Zum produktivsten Schwulenfilmer der Welt wurde er aber erst später in Berlin. Am 25. November wird der Regisseur, Aktivist, Buchautor und Lebenskünstler Rosa von Praunheim 80 Jahre alt.

Der Film, der ihn 1971 schlagartig bekannt machte, war „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Bis 1969 war gleichgeschlechtlicher Sex in Deutschland noch strafbar, danach galt das Verbot zunächst für unter 21-Jährige weiter, bis 1994 der Paragraf 175 endgültig gestrichen wurde. In seinem Film gab der damals 29-Jährige Einblicke in die Parallelwelt der Homosexuellen, denen er zugleich einen Spiegel vorhielt: „Das wichtigste für alle Schwulen ist, dass wir uns zu unserem Schwulsein bekennen“, so lautet ein Schlüsselsatz.

Mehr als 70 Mal fällt in diesem Film das Wort „schwul“. Das einstige homophobe Schimpfwort wurde so zur positiven Selbstbezeichnung umgewertet. Aus der marginalisierten sexuellen Orientierung wurde ein politisches Signal. Diese Programmatik klingt auch im Künstler-Vornamen des Filmemachers an: Rosa ist eine Verbeugung vor jenem „rosa Winkel“, den Homosexuelle im KZ tragen mussten.

Geboren 1942 im deutsch besetzten Riga, wuchs der spätere Regisseur als Holger Mischwitzky bei seinen Adoptiveltern aus Ostberlin auf. Wie er erst mit über 60 erfuhr, kam er im Zentralgefängnis von Riga zur Welt und verbrachte das erste Jahr im Waisenhaus. Im Dokumentarfilm „Meine Mütter - Spurensuche in Riga“ begab er sich 2007 auf Suche nach den Wurzeln. Seine Adoptivfamilie floh in den Westen und siedelte sich in Frankfurt an, wo er an der Offenbacher Werkkunstschule - der heutigen Hochschule für Gestaltung - Malerei studierte und bald zum experimentellen Film fand.

„Die Bettwurst“, sein 1970 mit Laiendarstellern und praktisch ohne Budget realisiertes Debüt, wurde zum Kult. In Studentenkinos spricht das Publikum prägnante Dialoge lautstark mit. Seine filmischen Mittel wirken dilettantisch, seine Botschaften jedoch authentisch.

So avancierte von Praunheim vom Avantgarderegisseur zum Vorreiter der deutschen Schwulen- und Lesbenbewegung. Mit dem queeren Musical „Stadt der verlorenen Seelen“ (1983) und „Transsexual Menace“ von 1996 realisierte er die ersten deutschen Filme über transidente Menschen.

Geprägt ist sein Schaffen auch durch sein Interesse für Weiblichkeit. Legendär sind seine Filme mit und über die Berliner Underground-Schauspielerin Lotti Huber. „Überleben in New York“ von 1989, ein liebevolles Porträt über drei deutsche Migrantinnen in der US-Metropole, zählt zu den erfolgreichsten Dokumentarfilmen im deutschen Kino.

Mit „Ein Virus kennt keine Moral“, einem der weltweit ersten Filme über das HI-Virus, polemisierte von Praunheim 1986 gegen den durch Aids wieder aufflammenden Schwulenhass in der Gesellschaft. Seine Strategie, das Private in die Öffentlichkeit zu tragen, stieß allerdings nicht nur auf Gegenliebe. 1991 outete er in einer Fernsehsendung Hape Kerkeling und Alfred Biolek, zwei der beliebtesten deutschen Fernsehgesichter, gegen ihren Willen als homosexuell. Anfeindungen aus der schwulen Community blieben daraufhin nicht aus.

In der Folge wurde Rosa von Praunheims Ausdrucksform subtiler. Mit dem Dokudrama „Härte“ von 2015 greift er erneut ein Tabuthema auf. Psychologisch nuanciert und mit einem überzeugenden Hanno Koffler in der Hauptrolle erzählt der Film die authentische Geschichte eines jungen Mannes, der von seiner Mutter sexuell missbraucht und später zu einem der brutalsten Zuhälter Berlins wurde. Von der Kritik hoch gelobt wurde zuletzt „Rex Gildo - Der letzte Tanz“, ein Mix aus Spielszenen, Zeitzeugeninterviews und Archivaufnahmen über das schwule Doppelleben des populären Schlagersängers.

Als Lehrer und Mentor von Axel Ranisch und Tom Tykwer prägt Praunheim bereits das Filmschaffen der nächsten Generation. 2020 erhielt er auf dem Filmfestival Max Ophüls den Ehrenpreis für seine Verdienste um den jungen deutschsprachigen Film.

Aus dem Undergroundfilmer ist ein international renommierter Botschafter für die gesellschaftliche Akzeptanz queerer Menschen geworden. Als Filmemacher und Aktivist tritt er damit auch in die Fußstapfen des schwulen Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld, der von den Nazis verfolgt wurde und dem er 1999 das Filmdrama „Der Einstein des Sex“ widmete. Für sein Engagement, das etwa 150 Kurz- und Langfilme umfasst, wurde Praunheim 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Leben und Arbeit, Alltag und Ästhetik sind für Rosa von Praunheim, der mit seinem Partner in Berlin lebt, zu einem Gesamtkunstwerk zusammengeflossen. Medienauftritte nutzt der oft papageienbunt gekleidete Paradiesvogel gerne zur Pflege seiner Marke. In einer Arte-Dokumentation anlässlich seines 80. Geburtstages streckt er sich auf dem Grab, das er sich auf dem Berliner Friedhof ausgesucht hat, schon mal zum Probeliegen aus. Das Altern, erklärte er einmal, habe ihn verändert: „Das macht mich dünnhäutiger, vielleicht auch angreifbarer.“ Fürs Sterben habe er aber vorerst keine Zeit. „Ich kann es mir nicht leisten zu sterben. Ich muss noch arbeiten, um zu überleben.“

http://www.rosavonpraunheim.de

Von Manfred Riepe (epd)