Missbrauchsskandal und Brexit beim Mainzer Rosenmontag

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Motivwagen zeigt unter dem Titel Der Motivwagen "Wanderprediger" zeigt einen Priester auf dem Weg in eine neue Gemeinde, der seine Opfer in der alten Kirche zurücklässt.
Mainz (epd)

Die Queen hat genug, nimmt ihre Corgies an die Leine und sucht das Weite. Wie eine Hürdenläuferin springt die Monarchin über den Grenzschlagbaum und bittet in der EU im Asyl. Das Durcheinander um den Brexit stellt in diesen Tagen nicht nur die Briten auf eine harte Probe, sondern auch den "Mainzer Carneval Verein" (MCV). "Irgendwann mussten wir anfangen, aber es ist immer noch unklar, was wird überhaupt", ärgert sich Dieter Wenger, der seit Jahrzehnten die Motivwagen für den Mainzer Rosenmontagsumzug baut.

Ob der Brexit-Wagen tatsächlich so wie geplant auf den Mainzer Straßen zu sehen sein wird oder noch umgebaut werden muss, ist fast bis zur letzten Minute offen. "Wir könnten noch ganz schnell reagieren, wenn es doch noch ein neues Votum gibt", erklärte der erfahrene Wagenbauer bei der diesjährigen Motivwagen-Präsentation in einer Lagerhalle am Mainzer Stadtrand. Wie in den vergangenen Jahren sorgten Wenger und seine Mitstreiter für eine Themen-Mischung, die das internationale Geschehen der vergangenen Monate ebenso aufgreift wie bundes- und kommunalpolitische Ereignisse.

Nicht alle Themen seien wirklich komisch, sagte Nikolaus Jackob von der MCV-Zugleitung. Beispielsweise wird der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche Thema beim Rosenmontagsumzug. Einer der Motivwagen zeigt unter dem Titel "Wanderprediger" einen Priester auf dem Weg in eine neue Gemeinde, während seine Opfer in der alten Kirche zurückbleiben und Schilder mit der Aufschrift "#Metoo" aus den Fenstern halten.

Dazu hat der MCV die Verse gedichtet: "Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich zu den Kindlein komm. Schließ die Augen, schau nicht hin, wenn ich übergriffig bin. Werd' ich doch geschnappt dabei, schick mich in die nächst Pfarrei." Möglicherweise werde es Beschwerden über das Motiv geben, sagte Jackob: "Es ist sehr scharf, aber die Zeiten erfordern Schärfe."

Auch die Vermüllung der Weltmeere haben die Mainzer Wagenbauer aufgegriffen. Gezeigt wird ein riesiger Globus, der eine riesige Menge Plastikabfall ausgespuckt hat. US-Präsident Donald Trump wird als massiger Stier dargestellt, der die Welt mit seinen Treibhausgasen verpestet. "Rindvieh belastet das Weltklima" haben die Verantwortlichen die Darstellung mit der Stierfigur genannt. Dieser Motivwagen sei technisch besonders aufwendig, erklärte Wenger: Aus dem Hinterteil des Rinds quillt echter Rauch und die von Trump verqualmte Erde habe er durch ein Stahlkorsett mit der Hauptfigur verbinden müssen.

Die Große Koalition in Berlin wird als abgemagertes, fast totgerittenes Pferd durch Mainz rollen, dem Kanzlerin Angela Merkel mit einem "AKK-Möhrchen" noch einmal neues Leben einhauchen möchte. Über dieses Motiv und die Gestaltung des Gauls sei viel diskutiert worden, berichtete Jackob: "Ich wollte ihn schon halb verwest haben". Auch SPD-Chefin Andrea Nahles wird zur Witzfigur gemacht, die unter dem Titel "Auf die Fresse" aus viel zu großen roten Schuhen auf den Boden kracht.

Einigen Themen widmen sich die Mainzer Fastnachter zum wiederholten Mal, etwa dem für viele Mainzer ernsten Problem des Fluglärms. Zu sehen ist, wie ein Mainzer Bürger jeden Morgen von einem "Fraport-Monster" aus dem Schlaf gerissen wird. Auch die AfD ist erneut Ziel von bissigem Spott: Von einem Wahlplakat der Partei lächelt ein harmloser Bürger, während auf der Rückseite ein grölender Nazi mit Fackel aus der Plakatwand steigt.

Mainz ist neben Köln und Düsseldorf eine der wichtigsten Fastnachtshochburgen in Deutschland. Am diesjährigen Rosenmontag am 4. März werden schätzungsweise 8.600 Teilnehmer auf einer rund sieben Kilometer langen Zugstrecke durch die Innenstadt marschieren. Jedes Jahr kommen dazu je nach Wetter bis zu 550.000 Zuschauer in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt.

Von Karsten Packeiser (epd)