Mainzer Motivwagen zeigen Scholz auf sinkendem Bundesschiff

Bundeskanzler Olaf Scholz mit Augenklappe auf untergehendem Kahn, der von einer Wärmepumpe in die Luft geschleuderte „fliegende Robert“ Habeck - der Mainzer Carneval-Verein hat seine politischen Motivwagen für den Rosenmontagsumzug enthüllt.

Mainz (epd). Die Untiefen der Bundespolitik werden dieses Jahr beim Rosenmontagsumzug in Mainz mit den Motivwagen wieder drastisch ausgelotet. So ist auf einem der neun Wagen des Mainzer Carneval-Vereins 1838 (MCV) Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit Kapitänsmütze und Augenklappe zu sehen, wie er auf dem zerborstenen Mastkorb eines von Wellen überspülten Segelschiffes durch das Fernrohr späht. Der auf den Wagen gemalte Spruch endet mit den Worten: „Noch spielt er den Staatsmann, mit Fernglas und Kapp, doch bleibt er auf Kurs, dann saufen wir ab.“ Der MCV kommentierte bei der Präsentation der Wagen am Dienstag: „Die Ampelregierung hat Schlagseite, Schiffbruch ahoi!“.

Infolge des monatelangen Gezerres um das Heizungsgesetz bekommt auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sein Fett ab: Er wird in Anlehnung an den „Struwwelpeter“ als „Der fliegende Robert“ mit Regenschirm vom Propeller einer Wärmepumpe in die Luft getrieben. „Habeck hat beim Heizungsgesetz die Bodenhaftung verloren“, kommentierte der MCV. Den Titel „Master of Desaster“ bekommt indes Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Ihm „fliegt der Kasten des Gesundheitswesens um die Ohren“, so der MCV, und Spritzen, Medikamente, Gebisse explodieren vor ihm wie ein Feuerwerk.

Auch Oppositionsparteien werden nicht geschont: Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz wird von einer prallen Walküre auf braunem Sumpf widerstrebend in Richtung eines „Brandmäuerchens“ gezogen. „Wie wär's mit uns?“, kommentiert das Schild. Das Höschen der Walküre ziert die Aufschrift „AfD“, auf dem Oberarm prangt ein Neonazi-Symbol. Die Parteivorsitzenden Alice Weidel (AfD) und Sahra Wagenknecht (BSW) lassen im kurzen Kleid ihre nackten Beine aus einem Wagen hängen, in der Hand eine russische Fahne. Hinter ihnen steuert der russische Präsident Wladimir Putin mit blutigen Händen das Auto. „Die Barbies es nicht interessiert, dass ein Verbrecher sie chauffiert“, reimt der MCV.

Weitere Wagen spießen die deutsche Automobilindustrie auf, der der chinesische Präsident auf einem Elektroauto davonfährt, während BMW und Mercedes wie Fred Feuerstein barfuß auf einer Steinwalze hinterherhecheln. Auf die Kriege spielt ein Wagen mit einer Friedenstaube an, die in einem Käfig aus Stacheldraht und den Schildern „Hass“, „Intoleranz“, „Fanatismus“, „Gier“ gefangen ist. „Wer befreit mich?“, fragt das dazugehörende Schild. Auf Mainzer Themen nehmen Bezug der Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) im Hasenkostüm und der „ausgeschissene“ Goldesel Biontech.

Als neuen Service hat der MCV jeden Wagen mit einem QR-Code versehen, über den die Zuschauer ein Filmchen über das Motiv abrufen können. Wagenbauer Dieter Wenger zeigt zum letzten Mal seine Handwerkskunst. 60 Jahre lang habe er ehrenamtlich den Bau der Wagen für den Rosenmontagsumzug geleitet, lobte der MCV. „Ich sehe der Zukunft mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen“, kommentierte Wenger. Der Bau der Wagen wird finanziell vom MCV gestemmt. Der Bau eines Wagens koste 10.000 bis 12.000 Euro, sagte Vereinssprecher Michael Bonewitz. Um Spenden einzuwerben, würden Zugplaketten und zwölf Wagenmotive als Bild verkauft.

Für die Sicherheit des Zuges sorgen mehr als 200 Sicherheitsleute und rund 1.000 Polizeibeamte von Verkehrspolizisten bis zu Spezialkräften mit Hubschrauber und Drohne. Streetworkerinnen der Stadt wollen junge Leute mit dem abgewandelten Mainzer Festspruch „Weck, Worscht un Wasser“ (statt Woi) ansprechen und dieses auch verteilen. „Die Jugendlichen sollen neben Alkohol auch Wasser trinken“, erklärte eine Vertreterin.

Mainz zählt neben Köln und Düsseldorf zu den bedeutendsten Fastnachtshochburgen in Deutschland. Zum Rosenmontagsumzug werden mehr als 500.000 Zuschauer in der Stadt erwartet. Am diesjährigen Rosenmontag in Mainz wirken nach Angaben des MCV rund 9.000 Mitglieder von Fastnachtsvereinen, Garden und Musikkapellen mit, die ab 11.11 Uhr auf einer 7,2 Kilometer langen Wegstrecke durch das Stadtzentrum ziehen.

https://mediathek.mainzer-carneval-verein.de

Von Jens Bayer-Gimm (epd)