Untersuchungsausschuss gegen Antisemitismus auf Kunstmesse gefordert

Der seit Jahresanfang währende Streit um Antisemitismus auf der „documenta fifteen“ eskaliert weiter. Die ideologischen Breitseiten der Kuratoren gegen die Kritik des Expertengremiums empören die Jüdische Gemeinde Kassel.

Kassel (epd). Die Jüdische Gemeinde Kassel und das Kasseler Sara-Nussbaum-Zentrum für Jüdisches Leben haben sich entsetzt über die Rechtfertigung der documenta-Kuratorengruppe geäußert, die als antisemitisch bezeichnete Filme weiter zu zeigen. „Wir beschuldigen Euch, ruangrupa und das artistic team, Antisemitismus zuzulassen und nachhaltig zu befördern“, heißt es in der am 13. September verbreiteten Stellungnahme. Deren Reaktion auf die Kritik des Expertengremiums an Propagandafilmen der Terrorgruppe Japanische Rote Armee sei „skandalös und aufschlussreich zugleich“.

„Dass darin dem Expert*innengremium eine 'rassistische Tendenz' vorgeworfen wird und von einer 'bösartigen Struktur der Zensur' dahergeredet wird, ist grotesk und ungeheuerlich“, heißt es in der Stellungnahme. Die Erklärung der Kuratorengruppe sei offensichtlich Teil einer Kampagne. Die Jüdische Gemeinde verwies dabei auf Plakate im Fridericianum, die Propaganda für die vom Bundestag als antisemitisch bezeichnete Boykottbewegung BDS machten, wie etwa: „BDS: Being in Documenta is a Struggle“ oder „Free Palestine from German guilt“. Der Antisemitismus werde als exklusiv deutsches Phänomen bagatellisiert, kritisierte die Jüdische Gemeinde.

Die Jüdische Gemeinde forderte die Gesellschafter der documenta, die Stadt Kassel und das Land Hessen, dazu auf, einen Untersuchungsausschuss einzurichten: „Es kann nicht sein, dass die Verantwortlichen in der Stadt-, Landes- und Bundespolitik dieser antisemitischen Agitation weiter tatenlos zusehen und keine Konsequenzen gezogen werden.“

Die Gesellschafter der documenta haben sich am 13. September hinter das Votum des Expertengremiums zur Absetzung der als antisemitisch bezeichneten Filme gestellt. Die aktuelle Kommentierung der Filme sei nicht geeignet, „da sie die teils antisemitische und terroristische Gewalt verherrlichenden Propagandafilme gerade nicht historisch einordnet“. Praktische Konsequenzen hat diese Stellungnahme zunächst keine. Die Geschäftsleitung der documenta hatte am 12. September betont, dass eine Entscheidung über die Kunstwerke allein der künstlerischen Leitung obliege.

Das Kuratorenteam „ruangrupa“ hingegen hatte die Aufforderung der Experten, die als antisemitisch bezeichneten Filme abzusetzen, als „bösartigen Versuch einer Zensur“ kategorisch abgelehnt und dem Gremium eine rassistische Tendenz unterstellt.

Das Expertengremium unter der Leitung der Frankfurter Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff hatte gefordert, die Vorführung pro-palästinensischer Propagandafilme aus den 1960er bis 1980er Jahren unter dem Namen „Tokyo Reels Film Festival“ sofort zu stoppen. Antisemitische Filmstücke würden mit Künstlerkommentaren versehen, die „den Israelhass und die Glorifizierung von Terrorismus“ legitimierten. Die einseitig negative Darstellung Israels, dessen Politik mit dem nationalsozialistischen Deutschland gleichgesetzt werde, schlage „mehrfach in offenen Antisemitismus“ um.

Erklärung der Jüdischen Gemeinde Kassel: http://u.epd.de/2bt8

Erklärungen des Expertengremiums: http://u.epd.de/2a49

Erklärung von ruangrupa: http://u.epd.de/2brq

www.documenta-fifteen.de