Der schwarze Himmel
Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt dunkle Seite von Marc Chagall

Bilder von Marc Chagall zieren farbenfroh Postkarten, Poster, Kalender. Die Frankfurter Kunsthalle Schirn verändert das Bild vom Künstler als Poeten und Träumer. Die neue Schau interpretiert ihn als Maler der Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Frankfurt a.M.(epd). Schwarze Schleier verdunkeln den Himmel, möglicherweise Rauch einer brennenden Stadt. Ein Mann kauert am Boden, den Kopf auf die Hand gestützt, den Blick nach unten gerichtet. Er birgt eine Torarolle in seinem Arm. Mit dem Gemälde „Einsamkeit“ von 1933 eröffnet die Frankfurter Kunsthalle Schirn die Ausstellung „Chagall. Welt in Aufruhr.“ Die vom 4. November bis 19. Februar 2023 geöffnete Schau rücke Klischees über den „Poeten unter den Künstlern der Moderne“ zurecht, erklärt der Schirn-Direktor Sebastian Baden. Marc Chagall (1887-1985) reflektiere in seinen Werken die Tragik, Verzweiflung und das Trauma seiner Zeit.

Der Maler aus dem heute belarussischen Witebsk fertigte das Bild „Einsamkeit“ 1933, im Jahr der Machtübernahme Adolf Hitlers. Angesichts des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine gewönnen die Werke neue Aktualität, sagt Baden. „Die Werke machen Freude, aber auch bestürzt.“ Die Ausstellung versammelt rund 60 Gemälde, Papierarbeiten und Kostüme aus den Jahren 1930 bis 1948. In ihnen lasse sich die Suche des jüdischen Künstlers nach einer Bildsprache im Angesicht von Vertreibung, Verfolgung und Vernichtung erkennen, erläutert der Direktor.

Chagall sei seit seiner dauerhaften Übersiedlung nach Paris 1923 dort nie als Franzose, sondern als Russe und Jude wahrgenommen worden, erklärt die Kuratorin Ilka Voermann. Dies habe den Künstler zu einer Reflexion über die eigene Herkunft und Identität gedrängt. Typische Elemente des jüdischen Schtetls von Witebsk tauchen immer wieder in den Gemälden auf, der Mann mit der Torarolle, die Frau im Brautschleier mit Kind, das Liebespaar, eine Kuh, ein Pferd oder ein Hahn, die Kerze, die Wanduhr, ein Engel. Viele dieser Elemente fliegen scheinbar durch die Luft. Die Schau legt die Deutung nahe, dass dies weniger Träume sind, als vielmehr die Darstellung einer Lebenswelt, die durch Verfolgung und Krieg zersprengt und auseinander geflogen ist.

Dabei entblößt Chagall den jüdischen Ursprung christlicher Symbole. Der Maler entdeckt den Gekreuzigten als Prototypen des verfolgten und hingerichteten Juden, in der Mutter und dem Kind scheint die Marienikonografie auf. Zentral sind diese Motive neben anderen Werken etwa in der „Kreuzigung in Gelb“ aus dem Kriegsjahr 1942. Die Blöße des Gekreuzigten ist durch einen jüdischen Gebetsschal bedeckt, neben ihm schwebt eine von einem Engel mit Kerze erleuchtete Torarolle. Im Hintergrund brennt eine Stadt, ein Dampfer versinkt im Meer, und im Vordergrund versucht eine Mutter mit nacktem Kind auf einem Pferd zu fliehen.

Zentral in der Schau ist das Gemälde der Engelsturz, von dem Chagall in 24 Jahren drei Fassungen schuf (1923, 1933, 1947). An den Skizzen lasse sich die Entwicklung der Bildelemente und die Verdunkelung der Farben nachvollziehen, erklärt Kuratorin Voermann. Die typischen Elemente dieser Epoche Chagalls sind versammelt, vor dem Hintergrund einer Stadt etwa der Mann, der die Torarolle schützt, die Mutter mit dem Kind oder der Gekreuzigte. Aus dem schwarzen Himmel stürzt schräg von oben mitten hinein ein weiblicher roter Engel. Scheinbar vor Schreck hat das Wesen den Mund aufgerissen. „Wenn ein Künstler mehr als zwei Jahrzehnte an einem Werk gearbeitet hat, hat es besondere Bedeutung für ihn gehabt“, findet Baden.

Halt in der Schreckenszeit hat Marc Chagall besonders an seiner Frau Bella (1895-1944) gefunden, die er jung in Witebsk geheiratet hatte. Hart traf ihn ihr Tod im US-amerikanischen Exil. Die Liebe und Trauer des Künstlers wird in mehreren gegen Kriegsende entstandenen Gemälden deutlich, in denen Bella als Vorbild in Braut- und Liebespaaren erscheint, die Werke meist in dunkles Blau getaucht. Gesteigert ist dies bis zur Verschmelzung der Gesichter des Malers und der Braut mit entblößter Brust in dem Werk „Der schwarze Handschuh“ (1948). Doch auch frohe Werke hat die Schau zu bieten, etwa die Entwürfe und Kostüme für die Ballette „Aleko“ (1942) und „Der Feuervogel“ (1945).

„Wir wollten einen Marc Chagall zeigen, der nicht so geläufig ist, der Überraschungen bietet, der uns heute etwas sagt“, resümiert Kuratorin Voermann. In der dunklen Zeit habe der Maler zu dunklen Farben gegriffen. „Aber die Werke sind trotzdem Chagall.“ Der Maler bleibe einer der großen Farbkünstler der Moderne und einer der besten Erzähler der Avantgarde.

www.schirn.de/ausstellungen/2022/chagall

Von Jens Bayer-Gimm (epd)