100 Jahre für die Freiheit des Wortes
PEN-Zentrum Deutschland feiert Jubiläum

Sie setzen sich gegen Nationalismus und autoritäre Regime ein - die im PEN verbundenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Dieses Anliegen ist für das PEN-Zentrum Deutschland auch 100 Jahre nach der Gründung topaktuell.

Darmstadt (epd). Bestsellerkrimi-Autor Klaus-Peter Wolf trat vor fünf Jahren unter Polizeischutz auf. Ein Leserbriefschreiber der Lokalzeitung seines Wohnorts Norden drohte, Nestbeschmutzer wie ihn habe man früher bei Nebel ins Watt gejagt, erinnert sich Wolf. „Die Angriffe kamen aus der rechten Ecke.“ In dieser Situation habe ihm die Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen des PEN-Zentrums Deutschland enorm geholfen. Die Schriftstellervereinigung sei auch derzeit so nötig wie selten: „Der Rechtsruck erfasst ganz Europa“, sagt Wolf nach der Europawahl. „Das wird ein Angriff auf die Freiheit des Wortes werden.“

Dagegen kämpft das PEN-Zentrum Deutschland seit 100 Jahren. Die bundesweiten Feiern zum Jubiläum der Vereinigung von Dichtern, Essayisten und Schriftstellern („Poets, Essayists and Novelists“) beginnen am 17. Juni auf ihrer Jahresversammlung in Hamburg. „Die größte Errungenschaft des PEN ist die weltweite Vernetzung für die Freiheit des Wortes“, sagt der Generalsekretär, der Autor und Pfälzer protestantische Pfarrer Michael Landgraf. Schon bei der Gründung des ersten PEN-Zentrums 1921 in London seien Grenzen überwunden worden: Es war mit Catherine Amy Dawson Scott eine Frau, die den Verein nach der Art eines Dinner-Clubs gründete, die sonst Männern vorbehalten waren.

Von Anfang an ging es dem PEN nach den Worten von Landgraf um die Überwindung der Nationalismen. Kein einfaches Unterfangen nach den Feindschaften, die der Erste Weltkrieg geschaffen hatte. So sei auch ein Hauptmotiv für die Gründung des deutschen PEN-Zentrums am 15. Dezember 1924 gewesen, die Isolation Deutschlands zu überwinden. Die Literaturgrößen Bertolt Brecht, Alfred Döblin und Kurt Tucholsky traten erst 1926 ein und kritisierten zugleich die arrivierte und konservative Ausrichtung der Vereinigung.

Der Streit um Politik begleitete den PEN nach der Auflösung 1934 unter Hitler, der Wiedergründung 1948 und der Trennung in einen Ost- und einen West-Verein 1953 weiter. Im Westen forderten Autoren in den 60er und 70er Jahren eine stärkere Politisierung, wie sie dann Präsident Heinrich Böll vorantrieb. Gegner der neuen Ausrichtung wie Otfried Preußler traten aus. Um die Wiedervereinigung der Vereine rangen die Schriftstellerinnen und Schriftsteller acht Jahre lang, erst 1998 kam es dazu.

Dem PEN sei das Engagement für die Freiheit des Wortes weltweit wichtig, erklärt Generalsekretär Landgraf. In dem von der Bundeskulturbeauftragten finanzierten und von Kommunen unterstützten Programm „Writers in Exile“ betreut der Verein derzeit 15 in ihrem Heimatland bedrohte Kolleginnen und Kollegen. Ebenso beteiligt sich der deutsche PEN im Rahmen des internationalen Programms „Writers at Risk“ an den Öffentlichkeitsaktionen zugunsten gefährdeter Autorinnen und Autoren.

In einer Zeit, in der Nationalismen und autoritäre Strukturen stärker werden, sei der PEN notwendiger denn je, betont die Schriftstellerin Tanja Kinkel: „Unterdrückung basiert auf Stummmachen, dagegen arbeitetet der PEN.“ Autoritäre Regime wie China unterdrückten nicht nur die Meinungsäußerung, sondern die Sprachkultur von Minderheiten überhaupt. Die internationale Schriftstellervereinigung schaffe diesen Raum, wie mit dem uigurischen und dem tibetischen Exil-PEN.

In Zukunft werde das PEN-Zentrum Deutschland mit seinen aktuell knapp 750 Mitgliedern die Bildung von Regionalgruppen vorantreiben, erklärt Landgraf. Für junge Autorinnen und Autoren stellten Studierende auf der Jahresversammlung ein Konzept „Young PEN“ vor. Zudem warte ein im vergangenen Jahr von plattdeutsch-mächtigen Autorinnen und Autoren gegründeter „Niederdeutsch-friesischer PEN“ auf seine internationale Anerkennung.

Jüngst musste der PEN auch Abgänge hinnehmen: Nach einem Streit auf der Mitgliederversammlung in Gotha 2022, wo laut Landgraf „Charaktere aufeinanderprallten“, traten nach dessen Angaben 60 bis 70 Mitglieder aus. Autorinnen und Autoren um den früheren Präsidenten Deniz Yücel gründeten den „PEN Berlin“. Die Vereine arbeiteten aber nicht gegen-, sondern miteinander, versichert Landgraf. Autor Klaus-Peter Wolf fasst zusammen: „Der PEN ist für mich ein Zuhause und ein Rückhalt.“

www.pen-deutschland.de

Programm Jahresversammlung: http://u.epd.de/316x

Von Jens Bayer-Gimm (epd)