Pfarrer: Kirchräume für Unterricht oder Co-Working nutzbar machen

Frankfurt a.M. (epd)

Kirchenräume könnten nach Ansicht des hessischen Pfarrers Jörg Niesner in der Corona-Pandemie gut für Unterricht oder zum mobilen Arbeiten genutzt werden. Kirchen seien seit Jahrhunderten auch außerschulische Lernorte, sagte Niesner dem Evangelischen Pressedienst (epd). In Kirchen könnten Schülerinnen und Schüler etwa im Religions- oder Geschichtsunterricht am historischen Ort lernen. Er wünsche sich da eine grundsätzliche Offenheit von Kirchengemeinden, Kooperationen mit Bildungseinrichtungen, Vereinen und Schulen einzugehen. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt hatte vorgeschlagen, dass Kirchen, Kinos und Museen große Räume für Schulunterricht zur Verfügung stellen.

Evangelische und katholische Gemeinden könnten ihre Räume auch anderen Religionsgemeinschaften für Gottesdienste zur Verfügung stellen. Er denke etwa an freie christliche Gemeinden, deren Gottesdienste oft unter beengten Bedingungen stattfinden müssten, sagte der evangelische Theologe. "Wir profitieren von der Religionsfreiheit, das gibt uns aber auch die Verantwortung, sichere Möglichkeiten des Gebets nicht nur für uns zu schaffen." Mehrfach ist es in den vergangenen Monaten zu Corona-Ausbrüchen in freikirchlichen Gemeinden gekommen.

Im Winter gebe es allerdings gerade in der Pandemie Probleme mit dem Heizen. Viele Kirchen könnten ihre Heizanlagen derzeit nicht nutzen, wenn Menschen in der Kirche seien, weil diese die Luft umwälzten und daher das Ansteckungsrisiko erhöhten. Zudem verhinderten die festgeschraubten Kirchenbänke oft eine flexiblere Nutzung der Räume.

Niesner betonte, dass es für die Kirchengemeinden auch unabhängig von der Corona-Krise wichtig sei, über alternative Nutzungen ihrer Räume nachzudenken. "Wir haben sehr viele Gebäude, die es auch in Zukunft zu unterhalten gilt", sagte er und verwies auf eine Prognose Freiburger Finanzwissenschaftler, wonach sich die Zahl der Kirchenmitglieder ebenso wie die finanziellen Ressourcen bis 2060 in etwa halbieren werden. Wenn in einer Kirche nur an jedem zweiten Sonntag ein Gottesdienst stattfinde, könne man in der Zwischenzeit die Räume beleben - zum Arbeiten, Lernen oder für den Seniorennachmittag. "Auf diese Weise verbindet sich das Leben mit dem Glauben", sagte er.

Kirchengemeinden könnten die Corona-Phase für Investitionen und Innovationen nutzen, sagte Niesner, der Pfarrer im mittelhessischen Laubach ist und als Religionslehrer gearbeitet hat. Kirchen könnten mit Internetanschlüssen ausgestattet werden. So könnten vor allem im städtischen Bereich Kirchen auch zu Co-Working-Spaces werden - mit Kaffeebar und der Möglichkeit, zwischendurch einen Moment innezuhalten.

In der evangelischen Kirche hätten die Gemeinden vor Ort das Hausrecht. Daher müssten Verträge mit Kooperationspartnern geschlossen werden, um die Fragen der Haftung und die Beteiligung an den Kosten zu klären.

epd-Gespräch: Franziska Hein