Kirchen in Hessen rufen zu mehr Rücksichtsnahme auf

Frankfurt a.M. (epd)

Zum Jahreswechsel haben die Kirchen in Hessen zu mehr gegenseitiger Rücksichtsnahme in der Coronakrise aufgerufen. In der durch die Pandemie bedingten Erschöpfung sei der Umgangston in der Gesellschaft rauer geworden, beklagte die stellvertretende Kirchenpräsidentin der hessen-nassauischen Landeskirche, Ulrike Scherf. Der katholische Mainzer Bischof Peter Kohlgraf forderte dazu auf, mit weniger Verbissenheit über die richtigen Maßnahmen in der Krise zu diskutieren. Wegen der Pandemie fanden viele Gottesdienste zum Jahreswechsel ohne Gläubige in den Kirchen statt und wurden im Internet übertragen.

Die stellvertretende Kirchenpräsidentin Scherf erinnerte angesichts der zunehmenden Spaltung in der Gesellschaft an die Jahreslosung der evangelischen Kirche für das kommende Jahr: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“. Dieses Bibelwort sei eine große Ermutigung. Denn Barmherzigkeit sei mehr als Fürsorge für Arme und Bedürftige. Sie bedeute auch Geduld, Mitgefühl, behutsamen Umgang miteinander sowie den Schutz vor Ungerechtigkeit und verletzenden Urteilen.

Der Mainzer Bischof Kohlgraf sagte, in den vergangenen Monaten seien teils sehr seltsame Debatten über die Maskenpflicht oder Präsenzgottesdienste geführt worden. Dabei würde es allen guttun, "Dampf herauszunehmen und der eigenen Meinung die Unfehlbarkeit zu nehmen." Kohlgraf verteidigte die Praxis der Kirchen, Präsenzgottesdienste teilweise abzusagen und teilweise in verantwortbarer Weise zu feiern. Die Krise habe gezeigt, dass seelische Gesundheit und geistliche Bedürfnisse neben der Sorge um körperliche Gesundheit nicht völlig unwichtig seien.

Der Limburger katholische Bischof Georg Bätzing rief inmitten der Krise zu Gottvertrauen auf. "Der Glaube gibt Halt", sagte Bätzing, der auch Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz ist. Dies habe er in dieser Krisenzeit deutlich erfahren und durch viele Menschen bestätigt bekommen. Nicht zuletzt deshalb sei die freie Ausübung der Religion ein so hohes Gut. Nach der Krise sei er entschieden dafür, Veränderungen zuzulassen, die zu einem besseren Leben, zu Entschleunigung, Solidarität und größerer Gerechtigkeit beitrügen.

Auch der rheinische Präses Manfred Rekowski sprach sich für Veränderungen nach der Krise aus. Dafür sei es wichtig, sich nicht zu bequem in den gegebenen Verhältnissen einzurichten. Man müsse vielmehr ein Herz für die haben, die zu kurz kommen. Rekowski rief dazu auf, der Silvesternacht "ein Feuerwerk der Menschlichkeit" folgen zu lassen.

Die kurhessische Bischöfin Beate Hofmann ermunterte dazu, im neuen Jahr das Augenmerk "nicht auf das zu richten, was schlecht läuft". Wer sich nicht von schlechten Erfahrungen bestimmen lasse, spüre nicht nur Angst, Ungeduld, Wut oder Egoismus, sondern sehe Menschen in der Nachbarschaft, die sich umeinander kümmerten, die auch in Zeiten eingeschränkten Kontakts in Verbindung miteinander blieben.

Nach Ansicht des Fuldaer Bischofs Michael Gerber wird die Coronakrise eine erschreckend umfassende und nachhaltige Wirkung haben. "Bei Corona haben wir es nicht mit einer Probe, sondern mit dem Ernstfall zu tun", sagte Gerber. Der Bischof rief im Fuldaer Dom dazu auf, "für die vielen, die an und mit Corona gestorben sind und für die Angehörigen, die um sie trauern, zu beten." Zudem bete er für alle, die im Dienst am Nächsten besonders herausgefordert seien und für diejenigen, die durch die Pandemie wirtschaftlich getroffen seien.