Von Nylonstrümpfen umweht

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Kunstinstallation "Drei: innen" in der Dreieinigkeitskirche in Regensburg
Kunstinstallation macht Dreieinigkeitskirche Regensburg zur Bühne
Regensburg (epd).

Wenn Sibylle Kobus an ein paar Seilen zieht, dann tun sich neue Welten auf. Eine davon ist derzeit in Regensburgs größter protestantischer Kirche zu sehen. Die Kunstinstallation „Drei: innen“ wird am 15. Juni (19 Uhr) in der Dreieinigkeitskirche eröffnet. Schnüre hängen vom Tonnengewölbe herab, ein elastisches Material hängt daran. Die Künstlerin hat es gespannt, genäht und in Form gezogen, sodass sich das Gebilde raumgreifend entfalten kann. Drei Wochen lang hat die Münchner Bildhauerin im Kirchenraum gearbeitet, um das überdimensionale Gebilde zu schaffen. Der Clou dabei ist: Kobus verwendet Nylonstrümpfe als Material.

Durch einen Radiobericht über den Zweiten Weltkrieg sei sie auf das Material aufmerksam geworden. Als die USA 1941 in den Krieg gegen Japan einstiegen, war auch der Export der Fallschirmseide von dort gestoppt. Die Amerikaner stiegen kurzerhand auf Nylon um. Patriotische Frauenverbände sammelten ihre Nylons, die für sie Luxusgüter waren, und recycelten sie für die Soldaten. „Das hat mich fasziniert, dass die Nylons unter der Hand der nähenden Frauen zu Fallschirmen wurden“, sagt Kobus.

Auch sonst waren die Strümpfe ein heiß begehrtes Material: Auf dem Schwarzmarkt avancierten sie neben Zigaretten zu einer regelrechten Ersatzwährung und wurden für etwa 200 Reichsmark gehandelt, was in etwa dem Monatsgehalt einer Sekretärin entsprach. In den Nachkriegsjahren hatte sich der Begriff „Nylons“ als Verkörperung fraulicher Begehrlichkeiten einen regelrechten Kultstatus erobert.

Haufenweise liegen die Nylons nun im Kirchenschiff herum und warten auf ihre Verarbeitung. So, als hätte die Künstlerin der klar gegliederten architektonischen Struktur eine Portion Unordnung und Chaos aufs Auge gedrückt. „Das Material transportiert ganz viel Weibliches“, sagt sie. Wie ein Weichzeichner wirke es im Kirchenraum, sei sexy und stehe für all diese mit Frauen konnotierten Eigenschaften: „Das Dehnbare aushalten bis zum Nicht-Reißen, die zweite Haut, die vieles überdeckt und schön macht, das Mäntelchen über vieles hält.“

Wenn Sibylle Kobus nicht gerade Räume bespielt, gestaltet sie Bühnenbilder. Und so inszeniert sie auch den Kirchenraum, der unter ihrer Hand zu etwas Anderem, Fremdem wird, in dem sich neue Achsen, Linien, Räume ergeben, so wie sie es 2016 auch schon in der Lukaskirche in München getan hat. „Als Künstlerin liebe ich Arbeiten, die überraschen, irritieren, erstaunen. Denn all das provoziert ein Innehalten, damit dieses Andere betrachtet werden kann.“

Die Installation in Regensburg war schon für 2020 geplant, 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, sagt die Kunstbeauftragte des Kirchenkreises, Pfarrerin Gabriele Kainz. Dann kam Corona. „Meine Vorstellung ist, dass Leute nun in die Kirchen kommen, sich hinsetzen und über den Raum sinnieren: Wo brauchen wir veränderte Sichtweisen auf unsere Kirche, wo Nähe, Distanz und wo eine Schutzhülle?“, sagt Kainz.

In jedem Fall bringt das Kunstgebilde Schwung in das schwere, monumentale Gebäude. Genau das, was Kirche heute brauche. „Es ist zwingend notwendig, dass Kirche in eine neue Wirklichkeit gehen kann. Und dies geschieht durch Provokationen, dadurch, dass Dinge geschehen, die Menschen auffallen“, sagt Martin Schulte, Pfarrer der Dreieinigkeitskirche. (00/2045/13.06.2021)

Von Gabriele Ingenthron (epd)