Taschentrompeten und die Blechmafia

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Bayerische Posaunenchöre feiern gut gelaunt ihr Jubiläum
Nürnberg (epd).

„Red' kein Blech, spiel’s lieber“ - ist auf das dunkelblaue T-Shirt von Christiane Arneth gedruckt. Die Leiterin des Posaunenchors Hummeltal hat sich ein Eis gekauft und schlendert mit ihren Bläserinnen und Bläsern durch Nürnbergs Fußgängerzone. Gut gelaunt erzählen die Oberfranken von dem Ständchen, das sie als Straßenmusiker am Freitagabend vor der Lorenzkirche gegeben haben.

Am Samstagnachmittag steht das Jungbläserfest auf dem Hauptmarkt im Programm. Ganz kleine Trompetenkoffer haben Jakob (10) und sein 13-jähriger Bruder Theo neben sich gestellt. Von ihrem Vater Stephan, einem Festival-Profi, haben sie diese „Taschentrompeten“ bekommen. Stephan trägt im großen Wanderrucksack Verpflegung, Wechselkleidung, Notenständer und die Noten „für den ganzen Posaunenchor“, sagt der Mann mit dem grauen Bart. Allerdings hat der Chor auch nur vier Mitspieler: Stephan, seine beiden Söhne und seine Frau Michaela.

Blechmusik von Trompeten, Posaunen, Hörnern und Tuben an jeder Ecke erleben die Nürnberger am zweiten Juli-Wochenende von früh bis spät. Samstagmorgens verteilen sich die Chöre auf Workshops, zehn Standkonzerte mit 26 Bläsergruppen sind nachmittags im Angebot. Der kleine Bezirkschor Donau-Ries bläst in der Karolinenstraße, am Tiergärtnertor stellt sich „des Brassd scho“ auf, die „Blechmafia“ vor der Lorenzkirche.

Zur Serenade am Samstagabend packen wieder alle rund 2.500 Teilnehmer ihre Instrumente aus, ebenso am Sonntag zum großen Festgottesdienst, mit dem auch das 101-jährige Bestehen des Verbands Evangelischer Posaunenchöre (VEP) begangen wird. Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm predigt.

Der Nürnberger Oberbürgermeister Marcus König (CSU) hält ein Grußwort, in dem er sagt: „Ein Jubiläum ist immer janusköpfig“. Es sei einerseits Anlass für einen Blick in die Zukunft, andererseits für den Blick zurück. Den Blick zurück tut bei einem Workshop beim Landesposaunentag der 90-jährige Gotthart Preiser, früher Regensburger Regionalbischof, dann Landesobmann des VEP. Es habe auch Schatten über den Posaunenchören gegeben. Er erinnert daran, dass manche Bläser während der NS-Zeit Marschmusik oder „Die Fahne hoch“ anstimmten.

Beim Landesposaunentag 2022 steht aber das Motto-Lied „Um Himmels willen!“ von Rüdiger Glufke und Christian Schmid im Mittelpunkt. Franken, Schwaben und Altbayern, aber auch Hamburger Musikerinnen und Musiker, die sich angemeldet haben, und mindestens ein Schweizer unter den vielen Blechbläsern stimmen es an. Der Geschäftsführer des VEP, Oliver Kreitz, schwärmt im Infozelt vor dem Schönen Brunnen: „Das muss man einfach erlebt haben, das ist sehr gewaltig“. Man spüre eine riesengroße Gemeinschaft bei dem besonderen Ereignis, das es in der evangelischen Landeskirche sage und schreibe 15 Jahre nicht mehr gegeben hat.

Die Bläser fremdeln trotzdem nicht. „Es ist wie ein Familienfest“, sagt Philipp Kuhn, Leiter des Posaunenchors aus dem unterfränkischen Mittelsinn. Folgerichtig sind in den meisten der insgesamt 900 bayerischen Chöre gleich mehrere Generationen vertreten. Die Mittelsinner Trompeterin Tanja Weis erzählt, dass sie schon 1988 bei einem Posaunentag gewesen sei, zum ersten Mal ist heuer ihr Sohn Henry dabei. Der hat einen geerbten Trompetenkoffer dabei, auf dem ein Aufkleber von ebendiesem Ereignis damals in Bad Neustadt an der Saale klebt. (00/2479/10.07.2022)

Von Jutta Olschewski (epd)