Musikwelt geht auf Distanz zu russischem Star-Dirigenten Gergiev

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München (epd).

Die Stadt München hat sich vom russischen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, Valery Gergiev, getrennt. Es werde ab sofort keine weiteren Konzerte der Philharmoniker unter seiner Leitung mehr geben, erklärte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) am Dienstag. Gergiev habe sich trotz Reiters Aufforderung, „sich eindeutig und unmissverständlich von dem brutalen Angriffskrieg zu distanzieren“, den der russische Präsident Wladimir Putin gegen die Ukraine und gegen Münchens Partnerstadt Kiew führt, nicht geäußert. Gergievs geplante Auftritte in der Hamburger Elbphilharmonie wurden laut den Veranstaltern abgesagt.

Auch das Festspielhaus Baden-Baden trennte sich von Gergiev, der auch Intendant des Mariinski Theaters in St. Petersburg ist. Grund sei „die mangelnde Distanz von Herrn Gergiev zum aktuellen menschenverachtenden Vorgehen des russischen Präsidenten“, teilte das Festspielhaus am Dienstag in Baden-Baden mit. Auch die Mailänder Scala und die Wiener Philharmoniker haben inzwischen die Zusammenarbeit mit Gergiev auf Eis gelegt.

Unterdessen wurde das für diesen Mittwoch geplante Konzert mit der russischen Star-Sopranistin Anne Netrebko in der Hamburger Elbphilharmonie auf den 7. September verschoben. Angesichts der aktuellen Situation sei sie nicht in der Lage, das Konzert in Hamburg zu singen, erklärte Netrebko am Dienstag auf der Homepage der Elbphilharmonie: „Es ist nicht die richtige Zeit für mich aufzutreten und zu musizieren. Ich hoffe, dass mein Publikum diese Entscheidung verstehen wird.“

Netrebko hatte im vergangenen Jahr ihren 50. Geburtstag im Kreml gefeiert. Sie hatte sich vor wenigen Tagen auf Facebook gegen den Russland-Ukraine-Krieg ausgesprochen und als „nicht politische Person“ bezeichnet. Sie habe viele Freunde in der Ukraine. Der Schmerz und das Leid brächen ihr das Herz. Es sei jedoch nicht richtig, Künstler oder andere öffentliche Personen zu zwingen, sich politisch zu äußern und ihr Heimatland anzuprangern, schrieb Netrebko.

Vor ihrer Absage hatte der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk am Dienstag auf Twitter dazu aufgerufen, das Konzert Netrebkos in der Elbphilharmonie in Hamburg zu boykottieren: „Liebe deutsche Freunde‼️ Bitte, bitte, bitte!!! Boykottieren!! Es ist keine Kunst mehr“. Geplant war ein Konzert zusammen mit ihrem Ehemann, dem aserbaidschanischen Tenor Yusif Eyvazov.

Das Festspielhaus Baden-Baden betonte, dass es der russischen Musik und russischen Künstlerinnen und Künstlern in Baden-Baden weiterhin ein internationales Podium bieten wolle. Zu Gergiev sagte Intendant Benedikt Stampa: „Wir vertreten offensichtlich nicht mehr die gleichen Werte.“ Der Dirigent, der 24 Jahre lang künstlerischer Gast gewesen war, sei gebeten worden, sich zu äußern. Das habe er nicht getan.

Gergiev galt bislang als Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin und als Unterstützer seiner Politik. Bereits am Montag hatte sich nach Informationen des Bayerischen Rundfunks (BR) auch dessen Künstleragentur von Gergiev getrennt. (00/0774/01.03.2022)

Copyright: epd-bild /Guido Schiefer